Wenn ich in der Apostelgeschichte lese, frage ich mich oft: Wie hätte ich in der Situation reagiert? Dann wird mir bewusst, wie überraschend sich die Reaktionen z.B. von Paulus von meinen eigenen unterscheiden.
Paulus kommt nach Jerusalem. Gott hat ihm von Ort zu Ort sagen lassen, dass er dort gefangengenommen und an die Römer ausgeliefert werden wird. Manche verstanden das als Warnung; für Paulus aber bestärkte es nur seinen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. Er ist aus manchen Orten geflohen, oft auf Anraten seiner christlichen Brüder, aber diesmal begibt er sich offenen Auges und ganz bewusst in die Höhle des Löwen.
Die Jerusalemer Geschwister aber haben ganz andere Probleme. Paulus soll Missverständnisse über seine Person ausräumen. Es ist schön und gut und inzwischen allgemein akzeptiert, dass er unter den anderen Völkern das Evangelium verkündigt, aber er muss das Gerücht ausräumen, dass er Juden zum Abfall vom Gesetz überredet. Deswegen soll er für vier jüdische Christen, die ein Gelübde abgelegt haben, die Kosten übernehmen. Das war ein damals üblicher Brauch, wie man weniger betuchte Glaubensgenossen bei der Erfüllung ihrer Gelübde unterstützen konnte. Damit sollte er seine Treue zum mosaischen Gesetz beweisen. Paulus stimmt zu. Hier bin ich schon etwas verunsichert. Ist das richtig, was er da macht? Ich versuche alle relevanten Bibelstellen zusammenzukratzen, aber komme zu keinem richtigen Schluss. Fest steht, dass Paulus das aus Liebe und für die Einheit der Gemeinde tut.
Aber ob richtig oder falsch: Der Schuss geht nach hinten los. Irgendwelche Juden aus Asien erkennen ihn im Tempel. Sie schließen daraus genau das Gegenteil seiner eigentlichen Motivation, nämlich, dass er den Tempel verunreinigen und entehren will, indem er Heiden dort hineinschleppt (was ein Missverständnis war). Ein fürchterliches Tohuwabohu entsteht, der Mob wird zur Lynchjustiz aufgestachelt. Die Römer greifen ein, nehmen ihn gefangen und retten so wahrscheinlich erst mal sein Leben. Dann bekommt er die Chance, zum Volk zu sprechen, um sich zu erklären. Gebannt und völlig ruhig hören sie sein beeindruckendes Zeugnis an. Aber als er dann von einer Begegnung mit dem Herrn in ihrem Jerusalemer Tempel berichtet, bei der der Herr ihn mit dem Evangelium zu den Nationen sendet, geraten sie wieder so in Rage, dass sie seinen Tod fordern.
Spätestens hier hätte ich mir wahrscheinlich mein völliges Scheitern “eingestanden” und wäre zu dem Schluss gekommen, dass die ganze Aktion ein Fehler war, der jetzt aber auch nicht mehr rückgängig zu machen ist. Katastrophe! Und ich bin schuld.
Aber es kommt noch schlimmer. Das ganze Hin und Her kann man in Apostelgeschichte 21-23 lesen und führt hier zu weit. Jedenfalls versucht der römische Statthalter, der ja für Ruhe und Ordnung zuständig ist und mit diesen ganzen religiösen Verwicklungen nichts anfangen kann, herauszubekommen, was in aller Welt die Leute so aufregt. Irgendwas muss dieser Paulus doch gemacht haben. Er beruft also noch einmal die religiöse Führung ein, den Hohen Rat, um Paulus mit ihnen zu konfrontieren. Vielleicht bringt das mehr Licht in die Sache. Der Hohepriester hat weder mit Höflichkeit noch mit Menschenrechten oder sogar Respekt vor dem Gesetz Mose viel am Hut und lässt Paulus nach den ersten Worten auf den Mund schlagen. Darauf gibt Paulus ihm eine etwas gepfefferte Antwort. Das wiederum dient seinen Gegnern als Beweis für Paulus mangelnden Respekt vor dem Hohepriester Gottes (und damit vor dem Gesetz). Paulus, dem nicht bewusst war, mit wem er geredet hatte, entschuldigt sich.
Wäre ich das gewesen, hätte ich mir innerlich die Haare gerauft. Warum musste mir das jetzt auch noch passieren? Das ist doch ein gefundenes Fressen für die. Kann ich noch was außer Fehler machen?
Paulus aber ist ganz unbeirrt. Er versucht, sich die theologische Spaltung seiner Gegner bei seiner Verteidigung zunutze zu machen. Zuerst scheint das Erfolg zu haben, dann geht die Sache wieder schief, und die Römer müssen ihn retten. Inhaftiert bleibt er natürlich.
In all diesen Situationen scheint er kein Problem mit Selbstanklage, Selbstzerfleischung oder auch nur Unsicherheit zu haben. Und falls er nach all dem doch etwas entmutigt war, so erscheint ihm Jesus bei Nacht und bestätigt ihm, dass alles seine Richtigkeit hat. Er hat Jesus bezeugt, und das war gut! Missverständnisse, Erfolg oder Misserfolg kann Paulus Gott überlassen. Guten Mutes soll er sein – weiter so! Alles ist Teil von Gottes souveränem Plan, und die nächste Station wird Rom sein.
Mich hat das ungeheuer ermutigt, mich weniger mit der Frage aufzuhalten, ob ich Fehler gemacht habe, und inwieweit ich für Misserfolge verantwortlich bin, Selbstzweifel wegzulegen und mich darauf zu konzentrieren, Jesus zu bezeugen und Gottes souveränem Plan zu vertrauen.
