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Vom Sorgenwerfen

Kennt ihr den Spruch: „Sorge ist wie ein Schaukelstuhl – sie hält dich immer in Bewegung, aber bringt dich nirgendwo hin“? Das ist wirklich wahr. Sorgen sind echte Energieräuber. Sie sind das Uneffektivste, womit du dein Leben verbringen kannst. Gewöhnlich drehen sie sich um Dinge, die sich unserer Kontrolle entziehen. Wir bilden uns allerdings oft ein, wenn wir uns lange genug das Gehirn zermartern, alle Leute und die KI fragen und uns durchgooglen bis zu Ergebnis 7.354, dass wir es dann vielleicht doch schaffen, irgendwie Herr der Lage zu werden.

Petrus hat ein besseres Rezept für uns.

In 1. Petrus 5,6.7 empfiehlt er uns:

Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.

Das ist kein Vorschlag aus einem Lebenshilfe-Ratgeber, sondern ein Befehl an Gottes Kinder. Das müssen wir uns klarmachen. Es geht nicht nur um unser Wohlbefinden – das tatsächlich auch – aber es geht auch um das Wohlbefinden der Menschen um uns her (ist dir schon mal aufgefallen, dass Sorgen keine gute Laune machen?), um unsere Funktionsfähigkeit im Alltag und last but not least um Gottes Ehre.

Erst vor einigen Jahren ist mir aufgefallen, dass der zweite Vers nicht ohne den ersten funktioniert. In vielen Bibeln sieht das aus, als seien das zwei unabhängige Verse, aber die Elberfelder Bibel und auch die englischen Bibeln zeigen, dass sie von einander abhängen, und dieser Zusammenhang ist wichtig.

Zuerst wollen wir uns mal den Gesamtkontext des Briefes anschauen. Petrus schreibt an verfolgte Christen, die leiden. Er sagt ihnen nicht, sie sollen zusehen, dass sie ihre Situation verbessern, oder Petitionen für Religionsfreiheit unterschreiben oder einen Freiheitskampf führen. Stattdessen rät er ihnen immer wieder zur Unterordnung unter die Situation und unter die menschlichen Einrichtungen, d.h. Regierungen, Steuern, Könige, Beamte  usw. Die Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen, die Frauen ihren Männern, die Jüngeren den Ältesten, alle sich gegenseitig. Das Leiden als Christen sollen sie auf sich nehmen mit der Hoffnung auf das himmlische Erbteil. Unterordnen heißt dabei nicht, apathisch und resigniert alles über sich ergehen zu lassen, sondern voller Hoffnung auf Gott und den himmlischen Lohn unbeirrt das Richtige zu tun.

Das ist also der Kontext dieser Verse im 1.Petrusbrief. Und die Angesprochenen hatten Sorgen! Sorgen wie: Wie ist mein Herr wohl morgen drauf? Krieg ich wieder Prügel? Ich bin schwanger – wie kann ich in so eine feindselige Umwelt ein Kind gebären? Welche Chancen hat das im Leben? Werde ich meinen ungläubigen Mann zu Christus führen können, oder wird er sich vielleicht von mir scheiden lassen und mir meine Kinder wegnehmen? Wenn sich meine Familie um des Glaubens willen von mir abwendet, wer versorgt mich im Alter (es gab ja noch keine Rentenversicherung)? Wie soll ich mich vor Gericht verteidigen gegen die Verleumdungen? Und dazu das allgemein menschliche Kopfkino, das wir auch kennen: Kommen wir aus mit dem Einkommen? Wie sollen wir die Rechnungen bezahlen? Was, wenn ich meinen Job verliere? Die politische Lage, Krieg und Unruhen, Angst um die Kinder, Krankheit unserer Lieben, unsere eigene Gesundheit und und und …

Also – was tun? Petrus sagt: Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes. Wenn er sagt: Demütigt euch nun, dann heißt das: „in Anbetracht von allem, was ich euch bis jetzt geschrieben habe.“ Und er hat zwar viel übers Leiden geschrieben, aber auch viel über die Herrlichkeit, über den ewigen Lohn, das ewige Erbteil, über die Möglichkeit, durch ihr Leben zu zeigen, wie Gott ist, ein Zeugnis zu sein, Menschen für Jesus zu gewinnen. Das liegt alles mit in diesem „nun“.

Was bedeutet es, sich unter die mächtige Hand Gottes zu demütigen? Es bedeutet, dass er der Herr und Meister ist, dass nicht ich die Kontrolle beanspruche, dass ich nicht bestimmen will, was er wann zu machen hat. Ich überlasse ihm den Ausgang der Angelegenheit, das Wann, Wie und Wo. Das mache ich aber nicht, weil er ein willkürlicher Tyrann ist, dem ich mich zwangsweise unterordnen muss, weil er ja die Macht hat, sondern weil er ein guter Vater ist. Ich vertraue ihm, dass er das tut, was er verspricht, nämlich mich erhöht „zur rechten Zeit“. Das Wort, das hier steht, ist Kairos, das ist der von Gott bestimmte ideale Zeitpunkt. Gott verspricht, dass er das Problem rechtzeitig löst.

Gottes Vorstellung von „rechtzeitig“ und meine Vorstellung von „rechtzeitig“ sind manchmal etwas unterschiedlich. Gott hat nämlich Zeit. Sarah kann mit ihren 90 Jahren nur noch darüber lachen, dass sie noch ein Kind bekommen soll. Der Zug ist abgefahren, denkt sie. Aber falsch gedacht! 400 Jahre lässt Gott sein Volk leiden in Ägypten. Mose schickt er 40 Jahre in die Wüste, bis er ihn beruft, und dann noch mal 40 Jahre auf Wüstenwanderung. Zacharias und Elisabeth werden alte Leute, bis Johannes geboren wird. Aber Gott sagt: Alles geschieht rechtzeitig, nicht nur so ungefähr, mit einem kleinen bisschen Verspätung, sondern haargenau. Gottes Abwarten liegt nicht daran, dass er uns vergessen hat oder unsere Not und unsere Sorgen ihm egal sind. Er fühlt die ganze Zeit mit uns, aber er verfolgt einen Plan, den wir nicht sehen. Wie Hiob seine Situation empfand, das wird uns ja in seinem Buch beschrieben. Er hatte nicht den Eindruck, dass Gott mitfühlend und barmherzig ist, sondern beschwerte sich, dass Gott ihn als Zielscheibe aufgestellt hätte, denn so hat es sich angefühlt. Aber so war es nicht.

Wir haben mit der Bibel ein ganzes Buch, das uns bei den Lebensgeschichten anderer Leute (z.B. Hiob, Joseph, Moses, Daniel, Paulus … ) immer wieder einen Blick hinter die Kulissen erlaubt. Nur bei uns selbst ist uns das im Allgemeinen verwehrt. Aber Gott gewährt uns diesen Blick, damit wir wissen, dass er auch in unserer Geschichte derselbe Gott ist.

Interessanterweise wird auch von Jesus gesagt, dass er sich erniedrigte (und das ist im Griechischen genau dasselbe Wort wie „demütigt [euch]“ hier) und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz (Philipper 2,8). Wir wissen, dass er im Garten Gethsemane betete: Nicht mein Wille, sondern der deine soll geschehen. Das gehört dazu: Die Hingabe an Gottes Willen, an seine höheren Pläne und die Bereitschaft, dafür zu leiden. Übrigens vertraute auch Jesus darauf, dass er erhöht werden würde zur rechten Zeit!

Wenn man sich nun unter Gottes Hand gedemütigt hat, seine Macht und Überlegenheit anerkannt, aber auch seine Weisheit und seine Güte – wie funktioniert dann das „Sorgenwerfen“? Werfen ist ein interessantes Bild. Ich war immer sehr schlecht im Sport. Die Bundesjugendspiele waren ein Tag der Schmach und Schande für mich. Ich war immer froh, wenn der Ball nach dem Werfen irgendwo vorne und nicht hinter mir landete. Ich habe mir jetzt mal so ein Video angeschaut: Wie wirft man eigentlich? (Leider war ich lange vor YouTube Kind.) Aber ein paar Sachen sind klar: Ich muss den Ball wirklich loswerden wollen. Ja, will denn nicht jeder seine Sorgen loswerden?

Manchmal nicht. Manchmal haben wir Bedenken, was Gott mit unseren Sorgen macht. Am Ende macht er das nicht so, wie ich es gerne hätte? Vielleicht sollte ich mich doch lieber selbst drum kümmern? Dann habe ich vielleicht ein bisschen mehr Einfluss darauf …

Schlag dir das aus dem Kopf! Du musst den Ball loslassen, und zwar ganz und gar und mit Schwung, so dass du ihn nicht mehr einholen kannst. Dein ganzer Mensch muss das Problem auf Gott legen wollen, egal was er damit macht. Und – das habe ich aus diesem Video gelernt – du musst dahin schauen, wo der Ball landen soll. Schau auf den Gott, der seinen Sohn für dich gegeben hat. Auf den Gott, der versprochen hat, dass dir alles zum Besten dienen wird, dass er dich ans Ziel bringt, dass du seinem Sohn gleichgestaltet wirst! Auf den Gott mit dem guten Plan und der großen Macht.

Wenn ich werfe, dann berufe ich mich auf alles, was Gott verheißen hat und was er ist, und ich akzeptiere auch, was er nicht verheißen hat: Er hat nicht verheißen, dass ich auf dieser Erde nicht leiden werde, aber er hat versprochen mich nie zu verlassen, mir jeden Tag zu geben, was ich brauche, und er hat versprochen, mich zur rechten Zeit zu erhöhen.

Es gibt noch eine weitere Wurf-Anleitung in Philipper 4,6. Da heißt es:

Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.

Wie lässt man seine Anliegen vor Gott kundwerden? Gebet, Flehen und Danksagung. Das hört sich recht ausführlich an. Wir agieren manchmal bei Gott so seltsam, wie wir es sonst nie tun würden, wenn wir Hilfe suchen. Wir wollen das so nebenbei erledigen. Wir sind wie kranke Leute, die jeden Tag beim Arzt anrufen und ins Telefon schreien: „Helfen Sie mir!“ Ehe er fragen kann bei was und wieso, haben wir schon wieder aufgelegt. Wir müssen unser Anliegen kundwerden lassen! Das heißt: Ich muss ihm alles sagen. Ich brauche einen Termin mit Gott, bei dem ich alles rauslasse, was mich quält, womit ich nicht klarkomme, wovor ich Angst habe. Das geht nicht nebenbei. Es ist nicht so, als käme Gott ohne unsere Information nicht zurecht. Er will das so, weil wir das brauchen. Wir brauchen das Bewusstsein: Ich hab´s ihm gesagt. Ich habe den Ball geworfen. Er ist jetzt bei ihm. Er kümmert sich, er ist für mich besorgt, wie Petrus sagt. Und wenn dir später noch was einfällt, gehst du noch mal hin. Und sprich ihm dein Vertrauen aus! Danke ihm, dass er das alles erledigen wird, dass er es perfekt und zuverlässig machen wird.

Was Gott nicht braucht – genau wie der Arzt, der schätzt das meist auch nicht – sind unsere Vorschläge, mit welchen Schritten er das Problem lösen könnte. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich sage: Vielleicht könntest du das doch so und so machen (nur für den Fall, dass ihm die Ideen ausgehen). Maria, die Mutter Jesu, ist uns da ein großes Vorbild bei der Hochzeit zu Kana. Zur ultimativen Peinlichkeit für das Brautpaar war der Wein ausgegangen. Noch bis zur goldenen Hochzeit hätten die Leute Videos davon gepostet, wie alle heimgegangen sind, weil die Party vorzeitig zu Ende war. Da geht Maria zu Jesus und sagt: „Sie haben keinen Wein.“ Dann weist sie die Diener an: „Macht, was er euch sagt.“ Sie sagt nicht: „Guck mal Jesus, da steht jede Menge Wasser zum Füßewaschen – könntest du da nicht Wein draus machen? Ich gebe dir die Tipps, und du vollbringst das Wunder.“

So machen wir das leider oft.

Es gibt verschiedene Arten zu beten. Es gibt das Kämpfen für das Reich Gottes mit Anliegen, die uns in Gottes Wort vorgegeben sind. Es gibt das Gebet des Glaubens, wenn Gott uns die Gewissheit für einen bestimmten Ausgang gibt, weil er uns etwas versprochen hat. Das Sorgenwerfen ist ein Gebet, wo wir uns mehr auf Gottes Charakter und Fürsorge verlassen als auf eine spezifische Lösung.

Ich muss den Ausgang nicht wissen und kontrollieren. Ich muss nicht alles überschauen. Es langt, wenn Gott es überschaut. Er ist immer da und trägt mich durch alles durch. Er macht das rechtzeitig. Ich kann mich darauf verlassen.

Entdeckungen in der Apostelgeschichte: Selbstzerfleischung ist keine christliche Tugend

stress-7453430_1280Wenn ich in der Apostelgeschichte lese, frage ich mich oft: Wie hätte ich in der Situation reagiert? Dann wird mir bewusst, wie überraschend sich die Reaktionen z.B. von Paulus von meinen eigenen unterscheiden.

Paulus kommt nach Jerusalem. Gott hat ihm von Ort zu Ort sagen lassen, dass er dort gefangengenommen und an die Römer ausgeliefert werden wird. Manche verstanden das als Warnung; für Paulus aber bestärkte es nur seinen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. Er ist aus manchen Orten geflohen, oft auf Anraten seiner christlichen Brüder, aber diesmal begibt er sich offenen Auges und ganz bewusst in die Höhle des Löwen.

Die Jerusalemer Geschwister aber haben ganz andere Probleme. Paulus soll Missverständnisse über seine Person ausräumen. Es ist schön und gut und inzwischen allgemein akzeptiert, dass er unter den anderen Völkern das Evangelium verkündigt, aber er muss das Gerücht ausräumen, dass er Juden zum Abfall vom Gesetz überredet. Deswegen soll er für vier jüdische Christen, die ein Gelübde abgelegt haben, die Kosten übernehmen. Das war ein damals üblicher Brauch, wie man weniger betuchte Glaubensgenossen bei der Erfüllung ihrer Gelübde unterstützen konnte. Damit sollte er seine Treue zum mosaischen Gesetz beweisen. Paulus stimmt zu. Hier bin ich schon etwas verunsichert. Ist das richtig, was er da macht? Ich versuche alle relevanten Bibelstellen zusammenzukratzen, aber komme zu keinem richtigen Schluss. Fest steht, dass Paulus das aus Liebe und für die Einheit der Gemeinde tut.

Aber ob richtig oder falsch: Der Schuss geht nach hinten los. Irgendwelche Juden aus Asien erkennen ihn im Tempel. Sie schließen daraus genau das Gegenteil seiner eigentlichen Motivation, nämlich, dass er den Tempel verunreinigen und entehren will, indem er Heiden dort hineinschleppt (was ein Missverständnis war). Ein fürchterliches Tohuwabohu entsteht, der Mob wird zur Lynchjustiz aufgestachelt. Die Römer greifen ein, nehmen ihn gefangen und retten so wahrscheinlich erst mal sein Leben. Dann bekommt er die Chance, zum Volk zu sprechen, um sich zu erklären. Gebannt und völlig ruhig hören sie sein beeindruckendes Zeugnis an. Aber als er dann von einer Begegnung mit dem Herrn in ihrem Jerusalemer Tempel berichtet, bei der  der Herr ihn mit dem Evangelium zu den Nationen sendet, geraten sie wieder so in Rage, dass sie seinen Tod fordern.

Spätestens hier hätte ich mir wahrscheinlich mein völliges Scheitern “eingestanden” und wäre zu dem Schluss gekommen, dass die ganze Aktion ein Fehler war, der jetzt aber auch nicht mehr rückgängig zu machen ist. Katastrophe! Und ich bin schuld.

Aber es kommt noch schlimmer. Das ganze Hin und Her kann man in Apostelgeschichte 21-23 lesen und führt hier zu weit. Jedenfalls versucht der römische Statthalter, der ja für Ruhe und Ordnung zuständig ist und mit diesen ganzen religiösen Verwicklungen nichts anfangen kann, herauszubekommen, was in aller Welt die Leute so aufregt. Irgendwas muss dieser Paulus doch gemacht haben. Er beruft also noch einmal die religiöse Führung ein, den Hohen Rat, um Paulus mit ihnen zu konfrontieren. Vielleicht bringt das mehr Licht in die Sache. Der Hohepriester hat weder mit Höflichkeit noch mit Menschenrechten oder sogar Respekt vor dem Gesetz Mose viel am Hut und lässt Paulus nach den ersten Worten auf den Mund schlagen. Darauf gibt Paulus ihm eine etwas gepfefferte Antwort. Das wiederum dient seinen Gegnern als Beweis für Paulus mangelnden Respekt vor dem Hohepriester Gottes (und damit vor dem Gesetz). Paulus, dem nicht bewusst war, mit wem er geredet hatte, entschuldigt sich.

Wäre ich das gewesen, hätte ich mir innerlich die Haare gerauft. Warum musste mir das jetzt auch noch passieren? Das ist doch ein gefundenes Fressen für die. Kann ich noch was außer Fehler machen?

Paulus aber ist ganz unbeirrt. Er versucht, sich die theologische Spaltung seiner Gegner bei seiner Verteidigung zunutze zu machen. Zuerst scheint das Erfolg zu haben, dann geht die Sache wieder schief, und die Römer müssen ihn retten. Inhaftiert bleibt er natürlich.

In all diesen Situationen scheint er kein Problem mit Selbstanklage, Selbstzerfleischung oder auch nur Unsicherheit zu haben. Und falls er nach all dem doch etwas entmutigt war, so erscheint ihm Jesus bei Nacht und bestätigt ihm, dass alles seine Richtigkeit hat. Er hat Jesus bezeugt, und das war gut! Missverständnisse, Erfolg oder Misserfolg kann Paulus Gott überlassen.  Guten Mutes soll er sein – weiter so! Alles ist Teil von Gottes souveränem Plan, und die nächste Station wird Rom sein.

Mich hat das ungeheuer ermutigt, mich weniger mit der Frage aufzuhalten, ob ich Fehler gemacht habe, und inwieweit ich für Misserfolge verantwortlich bin, Selbstzweifel wegzulegen und mich darauf zu konzentrieren, Jesus zu bezeugen und Gottes souveränem Plan zu vertrauen.

Was die Depression mich lehrte (Gastbeitrag)

Depressionen erscheinen uns oft als sinnloses Leiden. Naomi-Vedder – Schwesterherz – Von Frauen. Für Frauen.

Man kann sich kaum vorstellen, wozu das gut sein soll.

Deshalb habe ich meine Tochter, Naomi Vedder, gebeten, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.


Ich wurde gebeten, etwas darüber zu schreiben, was ich durch die Depression oder in der Depression gelernt habe. Was hat die Depression in meinem Leben aufgedeckt, und wie kann ich jetzt –  etwa 7 Jahre später – sagen, dass die Depression mir zum Segen wurde?

Dazu möchte ich unbedingt vorwegschicken, dass die schwere depressive Phase bei mir nicht allzu lange gedauert hat und in Verbindung mit Anzeichen eines Burnout daher kam. Es gibt viele verschiedene Ursachen für Depressionen, und nicht alle meine Erfahrungen lassen sich auf andere übertragen oder sind für andere hilfreich. Ich weiß, dass meine Leiden im Vergleich zu denen anderer möglicherweise harmlos waren, und dass es Glaubensgeschwister gibt, die über viele Jahre hinweg in tiefster Dunkelheit ausharren.

Ich bin keine Fachfrau in Sachen Depression. Ich gebe lediglich meine ganz persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse weiter. Eventuell können sie dem einen oder anderen eine Hilfe und Ermutigung  sein – das würde mich freuen.

Ich versuche zu erzählen, was ich über Gott und mich selbst gelernt habe, und was die Depression bei mir aufgedeckt hat.

In dem Buch „Depression – Die hartnäckige Dunkelheit“  von Edward T. Welch wird ein Kapitel mit dem Titel überschrieben: AUF DIE DEPRESSION HÖREN. Dieses Buch war mir in meiner Depression der treuste Begleiter. Ich fühlte mich verstanden und herausgefordert, wenn ich darin las, und es hat mich ermutigt, nicht aufzugeben und mehr nach dem „Wozu“ als nach dem „Warum“ zu fragen.

So habe ich also versucht, nicht ständig zu fragen, warum ich nun in diese schreckliche Lage geraten bin, und wie ich schnellstmöglich wieder da rauskomme, sondern auch: „Was will Gott mir möglicherweise durch diese Depression zeigen, was muss ich lernen, und wozu kann die Depression mir dienen?“

Und Gott hat mein Fragen gehört und Stück für Stück einige Dinge in meinem Leben aufgedeckt, die mir vorher gar nicht so bewusst waren.

In Stichpunkten war das vor allem Stolz und Hochmut, Menschenfurcht, ein falsches Gottesbild und ein falsches Selbstbild, Vollkommenheitsstreben und teilweise falsche Prioritäten. Was ich damit im Einzelnen meine, versuche ich im Folgenden zu erklären.

Erst als ich deprimiert und erschöpft am Boden lag, merkte ich, dass es für mich über das gute und gesunde Maß hinaus wichtig war, was Menschen von mir dachten und über mich sagten. Um allen zu gefallen und es allen recht zu machen, habe ich mich sehr angestrengt und verbogen, habe Tag und Nacht geschuftet und mein Bestes gegeben. Aber es war zu viel. Mit fast 40 Jahren war ich nicht mehr imstande, meinen eigenen Anforderungen und denen der Menschen um mich herum gerecht zu werden. So geriet ich in übermäßigen Stress und Leistungsdruck. Alle sollten mit mir zufrieden sein: Ehemann, Kinder, Eltern, Gemeinde, Arbeitgeber, Nachbarn … Gott …  und am schwierigsten – ich selbst!

Letzten Endes musste ich feststellen, dass ich bereit war, zu heucheln oder Druck auf andere auszuüben, um es allen recht zu machen. Es wurde offenbar, dass ich sehr stark von Menschenfurcht geprägt bin. Man kann sagen, dass ich bereit war zu sündigen, weil ich Menschen mehr fürchtete als Gott.

Der Leser kann sich selbst fragen, ob das auch bei ihm der Fall ist. Ich bin überzeugt davon, dass ein solches Denken und Handeln Sünde ist und Buße und Umkehr erfordert. Es kann dich selbst und andere zerstören, und vor allem ehrt es Gott nicht.

Selten waren meine ersten Gedanken „Was denkt Gott darüber?“. Öfter, eher unbemerkt in meinem Inneren, fragte ich mich: „Was denkt Schwester / Bruder XY darüber? Was denken die Nachbarn … ?“ Dazu möchte ich die Bibel zitieren: Menschenfurcht stellt eine Falle; wer aber auf den HERRN vertraut, ist in Sicherheit (Sprüche 29,25).

Es kommt nicht darauf an, ob Menschen gut von mir denken und ich alles tue, was sie wollen, es kommt darauf an, den Willen des Vaters zu tun (Matthäus 7,21).
Bei mir verbarg sich dahinter der zu starke Wunsch, angenommen zu sein, anerkannt zu sein, geliebt und beliebt zu sein. Wie gesagt, über das gesunde Maß hinaus. Es ist nicht möglich, es allen Menschen immer recht zu machen. Wir müssen lernen auszuhalten, dass nicht alle immer mit uns einverstanden sind, auch nicht, wenn wir das Richtige tun. Es kann auch schon mal zu Ablehnung kommen und dazu, dass man uns nicht begeistert zujubelt oder uns dankbar ist oder unser Tun lobt. Das müssen wir lernen auszuhalten. Jesus selbst ging es auch so. Auch Jesus hat „Nein“ gesagt, hat nicht allen geholfen und hat keineswegs von allen Zuspruch bekommen. Es gibt da viele Situationen,  nachzulesen in den Evangelien. Eigentlich ist es nur wichtig, was Gott über unser Tun denkt. Ihm zu gefallen, soll unser Wunsch sein. Tatsächlich ist es aber oft so, dass das, was wir tun, um Gott zu erfreuen, und das, was wir tun, um Menschen zu gefallen, zwei ganz verschiedene Sachen sind.

Ich definierte mich sehr stark über das, was ich tat und leistete, und musste in der Depression, als ich viele Dinge (vor allem „geistliche Dienste“) nicht mehr tun konnte, fragen, was ich eigentlich noch wert bin, wenn ich nicht die (von mir) gewünschte Leistung erbringen kann. Es stellte sich heraus, dass es aus meiner Sicht nicht Gott war, der mir meinen Wert gab, sondern ich selbst und meine Taten und Leistungen meinen Wert bestimmten.

Ich war mir absolut nicht sicher, ob Gott mich liebt. Denn ich glaubte irrtümlich, er müsse mich aufgrund von irgendetwas in oder an mir lieben. Ich hatte nicht begriffen, dass er mich sowieso schon geliebt hat, ehe ich geboren wurde – und lange bevor ich irgendetwas Gutes tun hatte können und etwas Schlechtes hatte bekennen können. Er liebte mich, und Jesus starb für mich, lange bevor ich an ihn glaubte.

Ich begriff auch, dass ich nichts an dieser Liebe ändern kann. Gott würde mich nicht mehr lieben, wenn ich etwas für ihn tat – er hat mich bereits mit maximaler Liebe geliebt, das hat er durch Jesu Tod am Kreuz für mich bewiesen. Er liebt mich nicht mehr oder weniger, weil ich Gutes oder Schlechtes tue. Gott der Vater sieht mich durch Jesus Christus, und in seinen Augen bin ich gerecht.

2.Timotheus 1,9: Er hat uns ja errettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben wurde.
Das heißt, ob ich depressiv und kraftlos bin oder aktiv und voller Energie mitarbeite, das ändert nichts an der Sicht, die Gott auf mich hat. Er hat schon entschieden, was er über mich denkt, und das hängt viel weniger von mir selbst ab, als ich dachte. Das zu begreifen, hat mir geholfen zu glauben und zu verstehen, dass es keine Verdammnis mehr gibt, für die, die in Christus sind. Römer 8,1: So gibt es jetzt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht gemäß dem Fleisch wandeln, sondern gemäß dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Ich hatte also bis dahin ein falsches Gottesbild. Ich dachte, Gott wäre so wie ich und andere Menschen. Aber Gott ist ganz anders! Unser Denken über Gott muss geprägt sein von Gott und seinem Wort. Wenn du in einer Depression steckst, ist dein Gottesbild oft verschoben. Es ist gut, wenn andere dir helfen zu sehen, wie Gott wirklich ist und wie er über dich denkt. Sichere Aussagen dazu finden sich eigentlich nur in der Bibel. Alles andere ist schwammig und hilft nicht, wenn du im “Tal des Todesschattens” sitzt und sowieso an allem zweifelst. In solchen Momenten brauchst du absolut zuverlässige Aussagen. Gefühle, Gedanken oder Meinungen zu der Frage „Wie ist Gott?“ helfen da nicht weiter.

Ein weiteres Thema würde ich „Kraft und Schwäche“ nennen. Dabei geht es mehr um mein Selbstbild, als um mein Gottesbild. Vor der Depression gehörte ich eher zu den starken Frauen. Das wollte ich auch so. Schwäche widerte mich regelrecht an, und ich tat alles dafür, nicht schwach zu sein oder schwach zu erscheinen. (Das war auch sehr schwierig für unsere Ehe, am Rande bemerkt.)

Gott hat eine andere Sicht darauf als wir Menschen. Für uns ist Kraft etwas Attraktives, und wir werten sie eher als ein Zeichen für Segen und Fülle. Gott aber findet menschliche Schwachheit nicht so problematisch. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, ihm die Ehre zu geben. Denn dadurch, dass wir schwach sind, kann sich seine Kraft oft erst richtig zeigen. 2.Korinther 12,9: Meine Kraft … ist in den Schwachen mächtig /… kommt in Schwachheit zur Vollendung /… wird in Schwachheit vollkommen. Wir würden Gott gern mit Kraft und Gesundheit und unseren Fähigkeiten ehren. Was aber, wenn er in unserer Schwachheit, Krankheit und Unfähigkeit verehrt werden möchte? Sagen wir ja, auch zur Depression, die uns für eine bestimmte Zeit von Gott verordnet ist, dann ist das eine Möglichkeit zu zeigen, dass wir an einen allmächtigen Gott glauben, der auch mit uns keine Fehler macht? Ich verstehe immer mehr, dass es Gott wohlgefällig ist, wenn seine Kinder sich in Schwachheit, Krankheit und Not an ihn klammern, ohne den Ausweg oder das Ende der Sache absehen zu können. Das verherrlicht und ehrt Gott, denn wie könnte man Vertrauen besser ausdrücken und zeigen, als eben so? Ist das nicht Glaube? Eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht? (Hebräer 11,1). Insofern ist jeder, der im dunklen Tal des Todesschattens an Gott festhält, ein Glaubender, der den Herrn verherrlicht, und ich denke, das gefällt ihm.

In 2. Korinther 4,7ff. steht:

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns.  Wir werden überall bedrängt, aber nicht erdrückt; wir kommen in Verlegenheit, aber nicht in Verzweiflung; wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir kommen nicht um; wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesus am Leib umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar wird.

Paulus weiterhin über Schwachheit:

Es wird gesät in Unehre und wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit und wird auferweckt in Kraft (1.Korinther 15,43).

Wenn ich mich rühmen soll, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen (2.Korinther 11,30).

Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen! Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne (2.Korinther 12,9).

So, denke ich, sollen wir unsere Schwachheit (Depression) annehmen und versuchen zu tun, was wir mit Gottes Kraft tun können. An manchen Tagen wird seine Kraft nur reichen, um aufzustehen und unsere Familie mit dem Nötigsten zu versorgen oder zur Arbeit zu gehen und gegen die finsteren Gedanken in unserem Kopf anzukämpfen. Dann dürfen wir am Ende des Tages Gott danken, dass er uns dafür in unserer Schwachheit genug Kraft gegeben hat. Jeder Tag, an dem wir noch leben und noch hier sind, ist ein Tag, an dem wir abends sagen können: „Danke Herr, du hast es heute wieder mit mir geschafft!“ Zur Zeit der Depression war ich in der häuslichen Krankenpflege tätig. Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich auf den Fahrten von einem Patienten zum nächsten geheult habe. Ich war verzagt und traurig und schwach. Manchmal habe ich ein Lied unter Tränen gesungen. Dann bin ich in die Häuser der Kunden gegangen, habe sie versorgt. Gott hat mir die Kraft gegeben, und im Auto habe ich wieder geweint. Das war nicht die Art, wie ich mir das vorgestellt hatte, aber ich muss sagen, dass Gott mir genau die Kraft gegeben hat, die nötig war.

Ich denke, es ist klug und weise, wenn wir auch in der Depression Gott bitten, uns zu zeigen, ob es Sünde in unserem Leben gibt, die wir noch zu bereinigen haben.

Da möchte ich das ganz große Thema Vergebung ansprechen. Wenn mich Niedergeschlagenheit und Traurigkeit in Beschlag nehmen, ist es gut, nach Wut und den Ursachen der Wut in meinem Leben zu suchen. Bekomme ich vielleicht gerade nicht, was ich will, und bin deshalb wütend? Bin ich verzweifelt, weil ich meine, mir steht etwas Bestimmtes zu, und ich erhalte es nicht?

Zum Beispiel Liebe von meinem Partner oder meiner Familie, Respekt von meinen Kindern, Ehre von meinen Kollegen, Freundlichkeit von meinen Nachbarn oder was auch immer. Wenn Menschen uns nicht so behandeln, wie wir es uns wünschen und wie es vielleicht auch richtig wäre, dann kann es uns tief innen verletzen, ärgern und auch wütend machen. Manchmal erkennen wir es gar nicht und werden deprimiert, ohne genau sagen zu können, warum.

Viele von uns müssen mit Dauerverletzung leben, werden über Jahre hinweg immer wieder an den gleichen Stellen gekränkt, verletzt, geschädigt. Das kann sehr leicht zu Depressionen führen, und wir brauchen Gottes Gnade, um damit richtig umgehen zu können und immer wieder zu vergeben. Das ist eine übermenschliche und unnatürliche Handlung, die wir aus uns selbst heraus weder tun wollen, noch tun können. Mit Gottes Hilfe und durch das Vorbild von Jesus Christus ist es aber möglich. Wir vergeben, weil uns vergeben wurde. Ich durfte lernen, das, was mir immer wieder angetan wurde, auch immer wieder zu vergeben. Das war mit Sicherheit auch eine wichtige Lektion.

Hierfür ist es elementar wichtig, das Evangelium wirklich zu verstehen, zu glauben und uns selbst – gerade in der Depression – immer wieder zuzusprechen. Nur durch das Wissen, dass Jesus Christus am Kreuz für meine Schuld gestorben ist, begraben wurde, auferstanden ist und jetzt für mich bei Gott, dem Vater, eintritt, nur dadurch weiß ich sicher, dass mir ein für alle Mal vergeben ist, und kann selbst immer wieder vergeben und in innerer Freiheit leben.

Ich habe versucht, mein Leben und meine Beziehungen wirklich zu durchforsten und zu schauen, ob ich irgendjemandem, irgendwo in einem versteckten Winkel meines Herzens noch nicht vergeben habe, etwas nachtrage, ein bisschen Bitterkeit konserviere … um wirklich froh und frei zu werden, ist es wichtig, dass wir alles vergeben, auch die kleinen alltäglichen Kränkungen, erst recht die großen, tiefen Verletzungen. Leider stelle ich immer wieder bei mir fest, dass ich binnen kürzester Zeit aus Unversöhnlichkeit heraus depressiv verstimmt werden kann. Wenn man nun also eine große unvergebene Last über Jahre mit sich herumträgt, ist eine Depression, denke ich, unvermeidlich.
Egal wie lange das Geschehene her ist und wie schlimm es gewesen ist, egal wie viel „Gras über die Sache gewachsen ist“  – wenn du noch nicht vergeben hast, tu es am besten sofort. Dabei kann es hilfreich sein, die Sache vor einem andern Gläubigen auszusprechen und mit ihm gemeinsam zu beten.  

Wer nicht bereit ist komplett und vorbehaltlos zu vergeben, ist dazu verdammt, gefoltert zu werden von Wut, Bitterkeit, Hass, Traurigkeit etc. So verstehe ich Matthäus 18, 21-35.

Umgekehrt hilft es mir auch, wenn ich immer wieder meine eigene Schuld vor Gott und Menschen bekenne und um Vergebung bitte. Schiebe ich das vor mir her, geht es mir oft tagelang elend. Die Depression kann helfen, uralte, aber unbereinigte Schuld aufzudecken oder überhaupt sensibel zu werden für die absolute Wichtigkeit der Vergebung. Wir lesen es bei David in den Psalmen, wie sehr er unter der Schuld gelitten hat, und wie sie ihn krank gemacht hat (Psalm 32). 

Die Depression hat mein Gottesbild verändert.

Eben durch diese Unfähigkeit zu tun und zu leisten, wie ich es gewohnt war, musste ich mich ganz neu mit meiner Identität, meinem Selbstbild, auseinandersetzen. Wer bin ich eigentlich? Wie sieht Gott mich? In seiner Gnade hat Gott mein falsches Denken über ihn und mich aufgedeckt. Ich habe das oben bereits erwähnt. Das war so heilsam. Ich habe wohl zum ersten Mal im Leben Gottes tiefe Liebe für mich wirklich angenommen und geglaubt. Gottes bedingungslose Liebe. Gottes opferbereite Liebe. Ich bin immer noch am Lernen und Verstehen. Es gibt wohl wenig, was mir schwerer fällt zu glauben, als dass Gott mich wirklich liebt, mag, will, gut findet … mit allem, was er so an mir gemacht hat. Dazu war mir die Depression eine große Hilfe. Ich durfte ihm auch meine ganze Verzweiflung sagen, sie vor ihm aussprechen. Das habe ich mir bei Hiob abgeschaut. Ich dachte mir: Wenn Hiob das sagen durfte, und Gott es hat in die Bibel schreiben lassen, dann kann ich das ja auch machen. So habe ich Gott alles gesagt, was ich dachte und fühlte. Gott hat das ausgehalten und mich weitergeliebt und mir auch gezeigt, wo ich einfach nur Unrecht habe.
Obwohl man meinen könnte, dass eine Depression dazu führt, dass man Angst vor Gott bekommt oder ihn als einen strafenden, lieblosen Gott erlebt, der einen leiden lässt, ist bei mir genau das Gegenteil passiert. Ich durfte Gott kennenlernen als meinen liebenden Vater und meinen aufopferungsvollen Herrn Jesus. Gerade im allertiefsten Moment, als ich nicht mehr leben wollte, als ich aus Gottes Hand springen und alles hinter mir lassen wollte, weil ich mir sicher war, dass ich es nicht mehr aushalte, da hat Gott mich fühlen und erfahren lassen, dass sein Wort wahr ist – auch in meinem Leben. Das werde ich wohl nie vergessen. Er hat mich einfach festgehalten. ER hat mich bewahrt, ER hat mich vor mir selbst beschützt. ER hat MICH gehalten, als ich ihn loslassen wollte. Johannes 10, 27-28: …und niemand wird sie aus meiner Hand reißen … und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen … Das war ein schrecklicher Moment, ein ganz schrecklicher, aber im Rückblick ein wunderbares Erleben der Gnade Gottes.  

Wie kann ich Gott selbst in der Depression verherrlichen? Die kurze Antwort lautet: Ausharren!

Und ihn bitten, die Depression zu benutzen, um etwas Schönes aus dir zu machen, Dreck rauszuspülen. Achtung! Ich möchte mit diesem Text nicht sagen, dass Depressionen immer unmittelbar mit einer offensichtlichen Sünde in unserem eigenen Leben zu tun haben. Es gibt viele Ursachen, weshalb man depressiv wird. Nicht selten ist es die Sünde anderer Menschen, die an uns schuldig geworden sind und unsere nicht heilsame Reaktion darauf, die uns deprimiert und niederdrückt bis hin zur Verzweiflung. Unser Leben hier auf der Erde ist geprägt von Sünde und Schuld, unserer oder die unserer Mitmenschen. Solange wir in dieser gefallenen Welt leben, wird es mit Sicherheit Depressionen geben. Ich nehme an, sie werden mehr und nicht weniger. Gründe dafür gibt es genug. Aber wir haben einen Gott, der damit umgehen kann. Das ist sehr tröstlich. Ich denke, Depressionen gab es schon zur biblischen Zeit – auch wenn sie damals nicht so genannt wurden, finden wir die Symptome in der Bibel. Einige Beispiele:

  • Ich bekomme nicht meinen Willen oder nicht das, wovon ich meine, dass es mir zusteht: Ahab und Jona
  • Ich habe gesündigt und möchte es nicht zugeben: David
  • Ich bin erschöpft vom Dienst für den Herrn: Elia, vielleicht auch Paulus
  • Ich bin Opfer von absolut ungerechter Behandlung und kann nichts dagegen tun: David

Fragen, die für mich wichtig waren:

  • Warum versuche ich, immer alles perfekt zu machen, warum versuche ich, es immer allen recht zu machen? Warum ist es mir so wichtig, was Menschen über mich denken?
  • Glaube ich, dass Gott mich liebt? Wer bin ich eigentlich, und wer oder was gibt mir Wert?
  • Wie werde ich meine zermürbende Schuld und die Anklagen los?
  • Welchen Sinn hat mein Leben, wenn ich nie wieder aus diesem Zustand heraus komme?

Was ist Bekehrung? (1)

ask-4438244_1920Das Wort “Bekehrung” war das Rätsel meiner Kinder- und Jugendjahre. Bekehrung, so hatte ich gehört, war notwendig, um in den Himmel zu kommen. Manche beschrieben sie als “180 Grad-Wendung”, andere als “zum Kreuz kommen”. Ich konnte mir nichts drunter vorstellen. Da das Kreuz für mich nicht sichtbar war, dachte ich, man müsste so eine Art Fantasiereise nach Golgatha machen, würde dort irgendwie geheimnisvoll ergriffen und verändert. In Büchern und Heftchen weinten die Leute immer sehr über ihre Sünden und begannen dann ein neues, gutes Leben. Meine Sünden (zumindest manche) taten mir auch Leid, aber mehr wegen der sozialen Folgen – und ja, auch wegen der Angst, in die Hölle zu kommen oder allein auf dieser Welt zurückzubleiben, falls Jesus wiederkam. Wenn man aber wissen wollte, “wie Bekehrung ging”, hieß es, man solle seine Sünden bekennen und um Vergebung bitten. Und dann müsse man einfach glauben, dass man jetzt bekehrt und in Sicherheit sei.

Ich versuchte es (aus Angst vor der Hölle). Es funktionierte nicht. Ich war nicht verändert. Ich war immer noch egoistisch und arrogant, lesesüchtig und ungehorsam und hatte so manches zu verheimlichen.  Irgendwann beschloss ich, dass diese ganze Geschichte entweder nur was für bestimmte Auserwählte war, zu denen ich offensichtlich nicht gehörte, oder dass es diesen Gott gar nicht gab und ich irgendwie mein Leben selbst in die Hand nehmen musste. Und zu dem Zeitpunkt war dieser Wunsch sowieso übermächtig geworden, mein Leben nach meinen eigenen Wünschen und zu meiner eigenen Ehre zu gestalten, so dass ich mehr als willig war, mit dem Zeitgeist zu schwimmen, verstaubte Moralvorstellungen und Restriktionen über Bord zu werfen und mehr oder weniger mein eigener Gott zu werden.

Erst mal ging das aber nicht so einfach wegen der Strenge meiner Eltern, für die ich ihnen immer noch dankbar bin. Ich mag mir kaum ausmalen, was für unwiderrufliche Übel ich mir sonst selbst angetan hätte. In all dem war ich unglücklich und depressiv, weil das Leben keinen Sinn hatte.

Und dann geschah ein Wunder. Der Herr trat in mein Leben, offenbarte mir seine Liebe, zeigte mir, dass er schon weiß, dass ich mich nicht ändern kann und dass er es tun wird. Ein mächtiges Vertrauen durchflutete meine Seele, eine große Leichtigkeit, als diese Last, meine Erlösung selbst bewirken zu müssen, von meinen Schultern genommen war. Denn genauso hatte ich “Bekehrung” immer verstanden: Du musst was tun. Du musst was bekennen. Du musst was glauben. Du musst dein Leben ändern.

Und nun stand ich da und staunte. Ich war ein neuer Mensch. Ich wollte bekennen, aber nicht um für meine Sünden zu büßen, sondern um die Gnade Gottes zu rühmen, der so einen rebellischen Menschen liebt, und auch, weil ich keine “Störung” wollte in diesem neuen Liebesverhältnis. Ich wollte Änderung und vertraute mich begeistert diesem wunderbaren Pädagogen an, den ich in meinem himmlischen Vater gefunden hatte. Ich gab die Verantwortung für mein Leben in die Hände dessen ab, der den besten Plan hatte. Und auf einmal “funktionierte” es – nicht, dass ich plötzlich sündlos und fehlerfrei war, aber dass ich das überhaupt von Herzen wollte, und nicht aus Angst vor der Hölle, sondern aus Liebe. Ja, ich stand da und staunte und dachte: “Es ist passiert. Du bist bekehrt. Er hat es gemacht. Das geht nie mehr weg, und es ist wunderbar. Du bist zuhause angekommen.”

Seitdem beschäftigt mich die Frage immer wieder mal: Was ist Bekehrung eigentlich – im Kern? Denn die Bibel fordert Menschen auf: “Tut Buße und bekehrt euch.” Was ist damit gemeint? Ist es ein “Werk”, das man tun muss? Wieso kann man zu etwas aufgefordert werden, was man gar nicht kann und daran das ewige Schicksal geknüpft werden? Ich kann ja nicht nur von meiner Erfahrung ausgehen.

Vor einiger Zeit kam mir die Idee, mal zu studieren, wie die Bibel, besonders in den Apostelbriefen, Bekehrungen beschreibt. Auch kann man in den Evangelien und in der Apostelgeschichte “Fallstudien” machen. Damit will ich mich demnächst hier beschäftigen.

Wo ist dein Herz?

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Randy Alcorn, Autor des Buches Geld, Besitz und Ewigkeit, hat auf seinem Blog eine interessante Frage aufgeworfen. Christen legen einander manchmal Rechenschaft ab, ob sie regelmäßig die Bibel lesen, anderen von Jesus erzählen oder sich sexuell rein halten. Aber kaum einmal fragen wir einander, ob wir den Kampf gegen den Materialismus kämpfen und unsere Augen abwenden von den Angeboten der Welt, die uns immer noch etwas zeigt, was wir noch brauchen könnten. Warum ist das so?

Jesus stellt fest: “Wo dein Schatz ist, wird auch dein Herz sein.” Unser Herz folgt unserem Schatz, sagt Alcorn. Willst du dein Herz an einem bestimmten Platz haben, dann investiere dort dein Geld.

Tatsächlich warnt uns die Bibel an vielen Stellen davor, reich werden zu wollen oder unsere materiellen Güter nicht zu teilen. Ich finde es interessant, was Paulus den Ephesern sagt:

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern bemühe sich vielmehr, mit den Händen etwas Gutes zu erarbeiten, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe. (Epheser 4,28)

Würden wir nicht sagen: Jetzt arbeite, damit du dir das, was du früher geklaut hast, ehrlich leisten kannst? Aber Paulus sagt, wir sollen arbeiten, um etwas abgeben zu können! Er hat das auch selbst umgesetzt (Apostelgeschichte 20,34):

Silber oder Gold oder Kleidung habe ich von niemand begehrt;  ihr wisst ja selbst, dass diese Hände für meine Bedürfnisse und für diejenigen meiner Gefährten gesorgt haben. In allem habe ich euch gezeigt, dass man so arbeiten und sich der Schwachen annehmen soll, eingedenk der Worte des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist glückseliger als Nehmen!

Um das mit Freuden  und von Herzen tun zu können, helfen diese Gesichtspunkte:

1.  In die Ewigkeit zu investieren ist das Klügste, was man tun kann. Weltliche Güter bieten keine Sicherheit. Wir kriegen das gerade deutlich zu spüren. Die Inflation frisst Ersparnisse auf. Ich las die Woche den Tipp an Rentner, lieber in Aktien zu investieren. Aber Gott bietet uns eine bessere Rendite an, wenn wir auf der Himmelsbank investieren. Dort ist das Geld sicher. Wohlhabenden Menschen empfiehlt Paulus:

Sie sollen Gutes tun, reich werden an guten Werken, freigebig sein, bereit, mit anderen zu teilen, damit sie das ewige Leben ergreifen und so für sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft sammeln. (1.Timotheus 6,18.19)

Ähnliches empfiehlt Jesus in dem Gleichnis von dem untreuen Haushalter.

2. Gottesfurcht, verbunden mit Genügsamkeit, ist ein großer Gewinn. Genügsamkeit heißt, dass ich das Vertrauen zu Gott habe, dass er weiß, was ich brauche und gibt, was ich brauche. Sie macht das Herz unbeschwert und frei für wichtigere Dinge. Sie bewahrt uns davor, dass die Sorgen dieses Lebens die gute Saat Gottes ersticken.  Sie befreit uns davon, immer nach dem zu schielen, was der andere hat.

3. Andere Menschen danken Gott. Willst du, dass Gott gelobt wird?  Dann hilf anderen in ihrer Not. Sie werden nicht nur Gott danken, sondern auch dich segnen.

4. Gott liebt einen fröhlichen Geber. Das bedeutet nicht, dass ich mir mit Geben die Liebe Gottes erkaufen kann. Es bedeutet, dass es Gott Freude bereitet, wenn er jemanden sieht, der von Herzen, freiwillig und gerne gibt, so, wie er selbst es auch tut.

5. Ich darf den Charakter Gottes spiegeln und ein bisschen was von dem tun, was er an mir getan hat. Jesus wurde arm um unsertwillen, damit wir durch seine Armut reich wurden. Gottes Charakter ist Gebefreudigkeit:

Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken? (Römer 8,32)

6. Uns wird nichts mangeln, wenn wir geben. Wir müssen keine Angst haben und uns keine Sorgen machen, dass wir dann am Ende dastehen und das Lebensnotwendige nicht mehr haben, weil wir nicht selbst für uns vorgesorgt haben:

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen?, oder: Was werden wir trinken?, oder: Womit werden wir uns kleiden?  Denn nach allen diesen Dingen trachten die Heiden, aber euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles benötigt.  Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden! (Matthäus 6,31-33)

Das steht in unseren Bibeln. Auch in deiner und meiner. Glauben wir es?