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Wie der Mann der Schmerzen beim Aufstehen hilft

Gastbeitrag von Naomi Vedder

Es ist kurz nach sechs, ich liege noch im Bett und will nicht aufstehen. Ich will einfach nicht. Mein Kopf schmerzt fürchterlich, ich habe mich seit vier Uhr hin und her gewälzt und versucht eine günstige Schlafposition zu finden, bei der Kopf, Schulter und Arm möglichst schmerzfrei liegen. Es ist mir nicht recht gelungen. Jetzt ist es Zeit aufzustehen, aber ich bin müde und nicht erholt und ich will nicht. Die letzten Nächte waren auch nicht viel besser. Eigentlich sind die Nächte schon länger nicht mehr erholsam, und auch tags plagen mich oft Schmerzen.


Früher habe ich mich in solchen Situationen oft meinen negativen Gedanken hingegeben, bin tief traurig und deprimiert in den Tag gestartet, aber eigentlich habe ich gelernt, dass ich den trüben Gedanken keinen Raum geben darf. Aber warum aufstehen? In mir kämpft es, der Kopf schmerzt. Eben war ich schon mal auf zur Toilette. Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass meine diabeteskranke Tochter auch keinen guten Start in den Tag haben wird. Der Zucker ist viel zu hoch, meldet mir die App. Wir sind uns heute Nacht um vier im Flur begegnet – ich auf dem Weg zur Toilette, sie offensichtlich auf der Suche nach Kohlehydraten, denn da war der Blutzucker viel zu niedrig. Blöde Krankheit, die einem nicht mal nachts Ruhe gönnt. Aber das waren dann wohl zu viele Kohlehydrate, sodass jetzt gegengesteuert werden muss … Schmerz, Krankheit, Leid, ich bin’s leid! Ich bin genervt und will jammern. Mein Arm tut jetzt schon so lange weh … und kein Arzt kann mir sagen, wann und wie das jemals wieder aufhört.
Auf einmal muss ich an Joni denken. Joni Eareckson Tada, die Frau, die jetzt schon viel länger im Rollstuhl sitzt, als ich überhaupt lebe. Über 50 Jahre Rollstuhl, täglich chronische Schmerzen und obendrauf eine Krebserkrankung … diese Frau ist mein Vorbild. Ihr Glaube und ihr Festhalten am Herrn trotz aller Not und Leid ermutigen mich oft und spornen mich an. Festhalten, weitermachen, nicht hängen lassen.

Aber ich bin nicht Joni, und ich will heute Morgen einfach nicht. In mir tobt ein Kampf! Da plötzlich schießt mir ein Wort in den Kopf: Mann der Schmerzen! Mann der Schmerzen … wie geht das nochmal weiter? Er war ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut. Ich muss weinen. Ich merke, dass Gott selbst mich daran erinnert hat, dass Jesus ein Mann der Schmerzen war. Das tröstet mich so sehr. Es ist Trost vom Vater selbst. Jesus war ein Mann der Schmerzen. Das ist sein Name. Er weiß genau was Schmerzen sind. Ich bin keine Frau der Schmerzen, so schlimm ist es nicht, aber Jesus ist ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut. Das heißt, er kennt und versteht auch alles andere, was mich gerade wirklich belastet und worüber ich heute zwischen 4 und 6 Uhr morgens nachgedacht habe. Mit Leiden vertraut. Ich gehe in die Küche, mein Mann braucht auf der Arbeit ja trotzdem was zu essen heute. Ich bin ermutigt aufzustehen. Unterwegs schnappe ich mir mein iPad und gebe „Mann der Schmerzen“ ein. Mir werden noch andere Bibelstellen vorgeschlagen, z.B. Psalm 88,4: „Denn meine Seele ist gesättigt vom Leiden …“
Mir laufen die Tränen. Danke, Herr Jesus, danke, danke! Das ist mein Herr, das ist mein Gott! Er kennt mich, er versteht mich und er hat selbst alles durchlebt, aber ohne Sünde! Was für ein Trost! Das ist mein Wort des Tages – Mann der Schmerzen! – Ich werde gleich nochmal genauer nachlesen, was die bekannte Jesaja-Stelle sagt. Mein Blick fällt auf mein Lesezeichen. Da stehen lauter Jesus-Namen drauf: Jesus, Menschensohn, Immanuel, das Wort, Friedefürst, Messias, Freund der Sünder, guter Hirte … Ich drehe das Lesezeichen um. Da steht es: Mann der Schmerzen! Was für ein Trost! Ich lese dazu 1. Petrus 2, 21 im Kontext; die Stelle habe ich mir in meiner Bibel bei Jesaja 53 notiert.

Wenn ihr aber für Gutestun leidet und es geduldig ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt. »Er hat keine Sünde getan, es ist auch kein Betrug in seinem Mund gefunden worden«; als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet. Er hat unsere Sünden selbst an seinem Leib getragen auf dem Holz, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben mögen; durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie Schafe, die in die Irre gehen; jetzt aber habt ihr euch bekehrt zu dem Hirten und Hüter eurer Seelen.“

Ja, Herr Jesus ich will mein Leiden, klein oder groß, gern von dir annehmen und du wirst mir darin beistehen. Es gehört dazu. Du hast gelitten, wir werden leiden. Ich werde das gleich mit meiner Freundin teilen. Die hatte gestern einen Fibromyalgie-Schub vom Feinsten, einen schrecklichen Tag. Aber mit dieser Perspektive rückt das alles in ein anderes Licht. Mich tröstet das viel mehr als der WhatsApp Status, den ich neulich gesehen habe: „Gott ist der Heiler, er hat uns Heilung zugesagt, lasst uns Heilung aussprechen über… „
Ja, natürlich ist unser Gott ein Gott, der heilt. Das bezweifle ich nicht, aber bei mir hat er heute Morgen nicht den Körper geheilt, sondern die Seele. Meine Kopfschmerzen lassen etwas nach, während ich tippe, die im Ellbogen werden stärker. Aber meine Seele ist beruhigt, getröstet, ermutigt. Ich weiß, wofür ich aufgestanden bin. Für Jesus, wegen Jesus und durch Jesus. Sein Leiden hat mich aus dem Bett geholt, seine Schmerzen werden mich für den Tag befähigen. Er hat ja fürwahr meine Krankheit getragen und meine Schmerzen auf sich geladen; und er wurde um meiner Übertretungen willen durchbohrt, wegen meiner Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit ich Frieden hätte, und durch seine Wunden bin ich geheilt worden. So steht es in Jesaja 53. Das macht mich so froh!


Auf meinem Schreibtisch liegen die Kärtchen mit den Versen aus Jesaja 12, die ich gerade versuche auswendig zu lernen. Der Vers 3 lautet: „Und ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils, und werdet sagen zu jener Zeit: Dankt dem Herrn, ruft seinen Namen an, verkündigt unter den Völkern seine Taten, erinnert daran, dass sein Name hoch erhaben ist!“
Ja, das ist mein Auftrag für heute: daran erinnern, dass sein Name hoch erhaben ist. Der Name Mann der Schmerzen gehört auch dazu. Das ist auch ein Teil seines Namens. Durch seine Wunden wurde ich geheilt und habe Frieden. Herrlich!

Jesaja 12,5: „Singt dem Herrn, denn er hat Herrliches getan; das soll bekannt werden auf der ganzen Erde!“

Bibellesen – warum und wie (2) im vollen Alltag einer Mutter?(Gastbeitrag von Barbara Escobar)

Weil das bei mir selbst schon so lange her ist, dass ich mich kaum erinnern kann, wie ich das mit dem Bibellesen gemacht habe, als meine Kinder noch sehr klein waren, habe ich Barbara, eine liebe Schwester aus meiner Gemeinde, mal gefragt, wie sie das macht. Ich weiß, dass sie das Wort Gottes liebt. Sie hat 4 kleine Kinder und erwartet in Kürze das fünfte. Sie leitet den Mutter-Kind-Kreis der Gemeinde, beherbergt einmal in der Woche einen Frauenhauskreis bei sich und dient öfters im Kindergottesdienst. Sie ist also nicht unterbeschäftigt. Sie hat mir erlaubt, ihre Antwort mit euch zu teilen, in der Hoffnung, dass es der einen oder anderen Mutter hilft und Mut macht.

„Ich kann gerne erzählen, wie ich es aktuell mache und was mir im Alltag hilft. Ich weiß aber nicht, ob das anderen Müttern hilft, die vielleicht ganz andere Persönlichkeiten haben als ich. Deshalb wollte ich auch ein paar allgemeine Erkenntnisse aufschreiben, die mir in erster Linie zu einer richtigen Einstellung verhelfen. Und wie man das dann konkret im Alltag umsetzt, kann ja tatsächlich ganz unterschiedlich aussehen.

Wie ich es mache: Im Moment stehe ich tatsächlich einfach superfrüh auf, um die ersten Stunden des Tages ganz meine Ruhe zu haben. Das war in der Vergangenheit auch immer der beste Zeitpunkt am Tag. Es hat nicht immer geklappt, vor allem wenn sich nach einem neuen Baby alles ändert und die Nächte unterbrochen sind und mein Schlaf schlecht ist.
Ich denke, man muss auch kein Frühaufsteher sein, ich bin das eigentlich ganz und gar nicht. Aber die Not machte mich diszipliniert, weil ich einfach gemerkt habe, dass ich Zeit mit dem Herrn so sehr brauche! Jetzt hängt ja nicht nur mein Leben davon ab, sondern auch die grundlegende Prägung meiner Kinder!
Ich habe eine Zeitlang abends viel Tee getrunken, damit ich morgens, wenn der Wecker klingelt, einfach auf die Toilette musste. Da fiel es mir leichter, gleich aufzubleiben. Im Moment setze ich abends ein Brot an, welches morgens in den Ofen muss, und auch rechtzeitig so abgekühlt, dass ich den Kindern davon die Schulbrote machen kann. Dann habe ich morgens genug Zeit zum Duschen und eine Stunde für das Wort und Gebet. Es hilft außerdem, dass ich einen Leseplan habe, und morgens nicht erst noch überlegen muss, was ich lese. Dann bin ich Teil von einer WhatsApp-Gruppe mit ein paar Frauen, die alle das Gleiche lesen, und wir tauschen uns regelmäßig darüber aus, was uns wichtig wurde aus dem Text und manchmal auch, wie es uns geht und wofür wir füreinander beten können.

Außerdem hilft es mir sehr, eine Verpflichtung in irgendeiner Form zu haben, also für den Hauskreis oder Andachten für den Mama-Treff oder für den Kindergottesdienst einen Bibeltext vorbereiten zu müssen.
Generell fällt es mir schwer, mich ins Chaos zu setzen, um Bibel zu lesen. Ich möchte dann immer zuerst alles „fertig“ machen. Aber es ist nie fertig :). (Morgens ist alles noch ordentlich, weil ich abends aufräume und außerdem zwischen 21 und 21:45 Uhr ins Bett gehe.) In Zeiten mit kleinem Baby hat es mir sehr geholfen, einen bestimmten Ort zu haben, von dem aus ich den Ausblick in eine ordentliche Ecke der Wohnung hatte, eine Kerze anzuzünden und einen Tee zu machen, und zwar am Vormittag, wenn das Baby schlief. Und dann ein Andachtsbuch oder einen Psalm zu lesen. Und übrigens habe ich diese Momente von 10–30 Minuten IMMER bekommen, wenn ich morgens dafür gebetet habe, dass es klappt!
Grundsätzlich habe ich es erst mit Kindern gelernt, ständig im Alltag im Gespräch mit dem Herrn zu sein: wenn ich morgens meinen Tag plane, Ihm das direkt hinzulegen, auch so banale Sachen zu fragen wie: „Herr, was soll ich heute kochen?“, und beim Wäschefalten und Badputzen Podcasts und Predigten zu hören.
Allgemein hilft es mir, gelernt zu haben, dass Stille Zeit und Bibelstudium als Mutter mit Kindern im Haus nicht damit zu vergleichen ist, wie man es vorher machen konnte. Kinder können jederzeit unterbrechen. Auch wenn ich von meiner Seite fleißig und diszipliniert alles vorbereitet habe. Und das ist ok. Man darf da nicht aufgeben, sondern muss sich dessen bewusst sein, dass der Herr genau diese Momente gebraucht, um uns praktisch leben zu lehren, was wir schon mit dem Kopf studiert haben. Kurz: Heiligung :)
Es ist auch ok, wenn es Tage gibt, an denen man es nicht schafft, Bibel zu lesen. Der Herr nutzt Nachrichten von Freunden, den täglichen Vers von der App, Musik, die im Alltag läuft, um zu mir zu sprechen. Man darf es nur nicht schleifen lassen. Man kann von zwei Seiten vom Pferd fallen: zu verbissen auf Biegen und Brechen die Zeit erzwingen – das geht nicht und endet im Frust, den am Ende noch die Kinder abbekommen. Oder resigniert aufgeben und faul werden unter dem Vorwand, dass es wegen der Kinder eben nicht geht. Ja, es gibt so Tage. Aber wer sehr ehrlich zu sich ist, findet auch heraus, ob er bequem ist oder es wirklich die Umstände gerade unmöglich machen, Bibel zu lesen.
Eine Bibel kann aber auch offen in der Küche liegen, und statt dem Handy kann man zwischendurch einen Vers darin lesen. Ja, es ist nicht das konzentrierte Bibelstudium. Aber das muss es auch nicht! Diese Phasen im Leben kommen früh genug wieder.

Wenn meine Kinder morgens wach werden, bevor ich fertig bin mit Lesen, nehmen sie sich ein Buch und sitzen leise bei mir. Wenn sie nicht leise sind, müssen sie zurück in ihr Bett. Das wollen sie nicht und deshalb sind sie leise :) und ich liebe es, wenn sie mich mit dem Wort sehen! Oft kann ich mich dann nicht mehr richtig konzentrieren, aber dann bete ich in dem Moment einfach für die Kinder, die sich gerade an mich kuscheln, und genieße dieses Geschenk in vollen Zügen! Die Harmonie in diesen Momenten spüren die Kleinsten schon, und es macht ihnen die Bibel und Jesus lieb, einfach wegen meiner Ausstrahlung, die durch die Einstellung kommt, dass ich gesegnet und nicht gestört bin durch die Kinder in dem Moment.
Wie schade, wenn man sich die Kinder vom Hals schafft, damit man Bibel lesen kann. Ziel verfehlt? Es spricht bestimmt nichts dagegen, sich mal einen Babysitter zu organisieren, wenn man eine Deadline hat für eine Andacht oder einen Vortrag! Aber es sollte von der regelmäßigen Zeit mit dem Herrn im Alltag unterschieden werden.
Am Ende ermutigt mich immer sehr der Vers aus Jesaja 40,11, dass der Herr die Mutterschafe sanft leitet. Er weiß um die Schwierigkeiten und Herausforderungen, und darin darf ich ruhen.“

Was ich an diesem Zeugnis so bemerkenswert finde: Da ist keine Gesetzlichkeit drin nach dem Motto: Der Herr segnet mich nur, wenn ich Stille Zeit mache, wie eine Leistung, mit der ich sein Wohlgefallen verdienen muss. Sondern die Erkenntnis: „Ich brauche das.“ Zweitens die Annahme der gegenwärtigen Lebenssituation im Wissen, dass jede Lebensphase ihre eigenen Chancen und Schwierigkeiten hat. Drittens, dass sie einen Plan strategisch und diszipliniert verfolgt, auch wenn der vielleicht nicht
jeden Tag klappt. Viertens, dass Gemeinschaft und Dienst eine anspornende Wirkung haben, wie diese WhatsApp-Gruppe, der Hauskreis oder der Mama-Treff. Es gibt einen Motivationsschub, wenn man die Beute mit anderen teilen kann. So wird
das Lob Gottes vermehrt.

Was die Depression mich lehrte (Gastbeitrag)

Depressionen erscheinen uns oft als sinnloses Leiden. Naomi-Vedder – Schwesterherz – Von Frauen. Für Frauen.

Man kann sich kaum vorstellen, wozu das gut sein soll.

Deshalb habe ich meine Tochter, Naomi Vedder, gebeten, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.


Ich wurde gebeten, etwas darüber zu schreiben, was ich durch die Depression oder in der Depression gelernt habe. Was hat die Depression in meinem Leben aufgedeckt, und wie kann ich jetzt –  etwa 7 Jahre später – sagen, dass die Depression mir zum Segen wurde?

Dazu möchte ich unbedingt vorwegschicken, dass die schwere depressive Phase bei mir nicht allzu lange gedauert hat und in Verbindung mit Anzeichen eines Burnout daher kam. Es gibt viele verschiedene Ursachen für Depressionen, und nicht alle meine Erfahrungen lassen sich auf andere übertragen oder sind für andere hilfreich. Ich weiß, dass meine Leiden im Vergleich zu denen anderer möglicherweise harmlos waren, und dass es Glaubensgeschwister gibt, die über viele Jahre hinweg in tiefster Dunkelheit ausharren.

Ich bin keine Fachfrau in Sachen Depression. Ich gebe lediglich meine ganz persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse weiter. Eventuell können sie dem einen oder anderen eine Hilfe und Ermutigung  sein – das würde mich freuen.

Ich versuche zu erzählen, was ich über Gott und mich selbst gelernt habe, und was die Depression bei mir aufgedeckt hat.

In dem Buch „Depression – Die hartnäckige Dunkelheit“  von Edward T. Welch wird ein Kapitel mit dem Titel überschrieben: AUF DIE DEPRESSION HÖREN. Dieses Buch war mir in meiner Depression der treuste Begleiter. Ich fühlte mich verstanden und herausgefordert, wenn ich darin las, und es hat mich ermutigt, nicht aufzugeben und mehr nach dem „Wozu“ als nach dem „Warum“ zu fragen.

So habe ich also versucht, nicht ständig zu fragen, warum ich nun in diese schreckliche Lage geraten bin, und wie ich schnellstmöglich wieder da rauskomme, sondern auch: „Was will Gott mir möglicherweise durch diese Depression zeigen, was muss ich lernen, und wozu kann die Depression mir dienen?“

Und Gott hat mein Fragen gehört und Stück für Stück einige Dinge in meinem Leben aufgedeckt, die mir vorher gar nicht so bewusst waren.

In Stichpunkten war das vor allem Stolz und Hochmut, Menschenfurcht, ein falsches Gottesbild und ein falsches Selbstbild, Vollkommenheitsstreben und teilweise falsche Prioritäten. Was ich damit im Einzelnen meine, versuche ich im Folgenden zu erklären.

Erst als ich deprimiert und erschöpft am Boden lag, merkte ich, dass es für mich über das gute und gesunde Maß hinaus wichtig war, was Menschen von mir dachten und über mich sagten. Um allen zu gefallen und es allen recht zu machen, habe ich mich sehr angestrengt und verbogen, habe Tag und Nacht geschuftet und mein Bestes gegeben. Aber es war zu viel. Mit fast 40 Jahren war ich nicht mehr imstande, meinen eigenen Anforderungen und denen der Menschen um mich herum gerecht zu werden. So geriet ich in übermäßigen Stress und Leistungsdruck. Alle sollten mit mir zufrieden sein: Ehemann, Kinder, Eltern, Gemeinde, Arbeitgeber, Nachbarn … Gott …  und am schwierigsten – ich selbst!

Letzten Endes musste ich feststellen, dass ich bereit war, zu heucheln oder Druck auf andere auszuüben, um es allen recht zu machen. Es wurde offenbar, dass ich sehr stark von Menschenfurcht geprägt bin. Man kann sagen, dass ich bereit war zu sündigen, weil ich Menschen mehr fürchtete als Gott.

Der Leser kann sich selbst fragen, ob das auch bei ihm der Fall ist. Ich bin überzeugt davon, dass ein solches Denken und Handeln Sünde ist und Buße und Umkehr erfordert. Es kann dich selbst und andere zerstören, und vor allem ehrt es Gott nicht.

Selten waren meine ersten Gedanken „Was denkt Gott darüber?“. Öfter, eher unbemerkt in meinem Inneren, fragte ich mich: „Was denkt Schwester / Bruder XY darüber? Was denken die Nachbarn … ?“ Dazu möchte ich die Bibel zitieren: Menschenfurcht stellt eine Falle; wer aber auf den HERRN vertraut, ist in Sicherheit (Sprüche 29,25).

Es kommt nicht darauf an, ob Menschen gut von mir denken und ich alles tue, was sie wollen, es kommt darauf an, den Willen des Vaters zu tun (Matthäus 7,21).
Bei mir verbarg sich dahinter der zu starke Wunsch, angenommen zu sein, anerkannt zu sein, geliebt und beliebt zu sein. Wie gesagt, über das gesunde Maß hinaus. Es ist nicht möglich, es allen Menschen immer recht zu machen. Wir müssen lernen auszuhalten, dass nicht alle immer mit uns einverstanden sind, auch nicht, wenn wir das Richtige tun. Es kann auch schon mal zu Ablehnung kommen und dazu, dass man uns nicht begeistert zujubelt oder uns dankbar ist oder unser Tun lobt. Das müssen wir lernen auszuhalten. Jesus selbst ging es auch so. Auch Jesus hat „Nein“ gesagt, hat nicht allen geholfen und hat keineswegs von allen Zuspruch bekommen. Es gibt da viele Situationen,  nachzulesen in den Evangelien. Eigentlich ist es nur wichtig, was Gott über unser Tun denkt. Ihm zu gefallen, soll unser Wunsch sein. Tatsächlich ist es aber oft so, dass das, was wir tun, um Gott zu erfreuen, und das, was wir tun, um Menschen zu gefallen, zwei ganz verschiedene Sachen sind.

Ich definierte mich sehr stark über das, was ich tat und leistete, und musste in der Depression, als ich viele Dinge (vor allem „geistliche Dienste“) nicht mehr tun konnte, fragen, was ich eigentlich noch wert bin, wenn ich nicht die (von mir) gewünschte Leistung erbringen kann. Es stellte sich heraus, dass es aus meiner Sicht nicht Gott war, der mir meinen Wert gab, sondern ich selbst und meine Taten und Leistungen meinen Wert bestimmten.

Ich war mir absolut nicht sicher, ob Gott mich liebt. Denn ich glaubte irrtümlich, er müsse mich aufgrund von irgendetwas in oder an mir lieben. Ich hatte nicht begriffen, dass er mich sowieso schon geliebt hat, ehe ich geboren wurde – und lange bevor ich irgendetwas Gutes tun hatte können und etwas Schlechtes hatte bekennen können. Er liebte mich, und Jesus starb für mich, lange bevor ich an ihn glaubte.

Ich begriff auch, dass ich nichts an dieser Liebe ändern kann. Gott würde mich nicht mehr lieben, wenn ich etwas für ihn tat – er hat mich bereits mit maximaler Liebe geliebt, das hat er durch Jesu Tod am Kreuz für mich bewiesen. Er liebt mich nicht mehr oder weniger, weil ich Gutes oder Schlechtes tue. Gott der Vater sieht mich durch Jesus Christus, und in seinen Augen bin ich gerecht.

2.Timotheus 1,9: Er hat uns ja errettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben wurde.
Das heißt, ob ich depressiv und kraftlos bin oder aktiv und voller Energie mitarbeite, das ändert nichts an der Sicht, die Gott auf mich hat. Er hat schon entschieden, was er über mich denkt, und das hängt viel weniger von mir selbst ab, als ich dachte. Das zu begreifen, hat mir geholfen zu glauben und zu verstehen, dass es keine Verdammnis mehr gibt, für die, die in Christus sind. Römer 8,1: So gibt es jetzt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind, die nicht gemäß dem Fleisch wandeln, sondern gemäß dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Ich hatte also bis dahin ein falsches Gottesbild. Ich dachte, Gott wäre so wie ich und andere Menschen. Aber Gott ist ganz anders! Unser Denken über Gott muss geprägt sein von Gott und seinem Wort. Wenn du in einer Depression steckst, ist dein Gottesbild oft verschoben. Es ist gut, wenn andere dir helfen zu sehen, wie Gott wirklich ist und wie er über dich denkt. Sichere Aussagen dazu finden sich eigentlich nur in der Bibel. Alles andere ist schwammig und hilft nicht, wenn du im “Tal des Todesschattens” sitzt und sowieso an allem zweifelst. In solchen Momenten brauchst du absolut zuverlässige Aussagen. Gefühle, Gedanken oder Meinungen zu der Frage „Wie ist Gott?“ helfen da nicht weiter.

Ein weiteres Thema würde ich „Kraft und Schwäche“ nennen. Dabei geht es mehr um mein Selbstbild, als um mein Gottesbild. Vor der Depression gehörte ich eher zu den starken Frauen. Das wollte ich auch so. Schwäche widerte mich regelrecht an, und ich tat alles dafür, nicht schwach zu sein oder schwach zu erscheinen. (Das war auch sehr schwierig für unsere Ehe, am Rande bemerkt.)

Gott hat eine andere Sicht darauf als wir Menschen. Für uns ist Kraft etwas Attraktives, und wir werten sie eher als ein Zeichen für Segen und Fülle. Gott aber findet menschliche Schwachheit nicht so problematisch. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, ihm die Ehre zu geben. Denn dadurch, dass wir schwach sind, kann sich seine Kraft oft erst richtig zeigen. 2.Korinther 12,9: Meine Kraft … ist in den Schwachen mächtig /… kommt in Schwachheit zur Vollendung /… wird in Schwachheit vollkommen. Wir würden Gott gern mit Kraft und Gesundheit und unseren Fähigkeiten ehren. Was aber, wenn er in unserer Schwachheit, Krankheit und Unfähigkeit verehrt werden möchte? Sagen wir ja, auch zur Depression, die uns für eine bestimmte Zeit von Gott verordnet ist, dann ist das eine Möglichkeit zu zeigen, dass wir an einen allmächtigen Gott glauben, der auch mit uns keine Fehler macht? Ich verstehe immer mehr, dass es Gott wohlgefällig ist, wenn seine Kinder sich in Schwachheit, Krankheit und Not an ihn klammern, ohne den Ausweg oder das Ende der Sache absehen zu können. Das verherrlicht und ehrt Gott, denn wie könnte man Vertrauen besser ausdrücken und zeigen, als eben so? Ist das nicht Glaube? Eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht? (Hebräer 11,1). Insofern ist jeder, der im dunklen Tal des Todesschattens an Gott festhält, ein Glaubender, der den Herrn verherrlicht, und ich denke, das gefällt ihm.

In 2. Korinther 4,7ff. steht:

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Kraft von Gott sei und nicht von uns.  Wir werden überall bedrängt, aber nicht erdrückt; wir kommen in Verlegenheit, aber nicht in Verzweiflung; wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir kommen nicht um; wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesus am Leib umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar wird.

Paulus weiterhin über Schwachheit:

Es wird gesät in Unehre und wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit und wird auferweckt in Kraft (1.Korinther 15,43).

Wenn ich mich rühmen soll, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen (2.Korinther 11,30).

Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen! Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne (2.Korinther 12,9).

So, denke ich, sollen wir unsere Schwachheit (Depression) annehmen und versuchen zu tun, was wir mit Gottes Kraft tun können. An manchen Tagen wird seine Kraft nur reichen, um aufzustehen und unsere Familie mit dem Nötigsten zu versorgen oder zur Arbeit zu gehen und gegen die finsteren Gedanken in unserem Kopf anzukämpfen. Dann dürfen wir am Ende des Tages Gott danken, dass er uns dafür in unserer Schwachheit genug Kraft gegeben hat. Jeder Tag, an dem wir noch leben und noch hier sind, ist ein Tag, an dem wir abends sagen können: „Danke Herr, du hast es heute wieder mit mir geschafft!“ Zur Zeit der Depression war ich in der häuslichen Krankenpflege tätig. Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich auf den Fahrten von einem Patienten zum nächsten geheult habe. Ich war verzagt und traurig und schwach. Manchmal habe ich ein Lied unter Tränen gesungen. Dann bin ich in die Häuser der Kunden gegangen, habe sie versorgt. Gott hat mir die Kraft gegeben, und im Auto habe ich wieder geweint. Das war nicht die Art, wie ich mir das vorgestellt hatte, aber ich muss sagen, dass Gott mir genau die Kraft gegeben hat, die nötig war.

Ich denke, es ist klug und weise, wenn wir auch in der Depression Gott bitten, uns zu zeigen, ob es Sünde in unserem Leben gibt, die wir noch zu bereinigen haben.

Da möchte ich das ganz große Thema Vergebung ansprechen. Wenn mich Niedergeschlagenheit und Traurigkeit in Beschlag nehmen, ist es gut, nach Wut und den Ursachen der Wut in meinem Leben zu suchen. Bekomme ich vielleicht gerade nicht, was ich will, und bin deshalb wütend? Bin ich verzweifelt, weil ich meine, mir steht etwas Bestimmtes zu, und ich erhalte es nicht?

Zum Beispiel Liebe von meinem Partner oder meiner Familie, Respekt von meinen Kindern, Ehre von meinen Kollegen, Freundlichkeit von meinen Nachbarn oder was auch immer. Wenn Menschen uns nicht so behandeln, wie wir es uns wünschen und wie es vielleicht auch richtig wäre, dann kann es uns tief innen verletzen, ärgern und auch wütend machen. Manchmal erkennen wir es gar nicht und werden deprimiert, ohne genau sagen zu können, warum.

Viele von uns müssen mit Dauerverletzung leben, werden über Jahre hinweg immer wieder an den gleichen Stellen gekränkt, verletzt, geschädigt. Das kann sehr leicht zu Depressionen führen, und wir brauchen Gottes Gnade, um damit richtig umgehen zu können und immer wieder zu vergeben. Das ist eine übermenschliche und unnatürliche Handlung, die wir aus uns selbst heraus weder tun wollen, noch tun können. Mit Gottes Hilfe und durch das Vorbild von Jesus Christus ist es aber möglich. Wir vergeben, weil uns vergeben wurde. Ich durfte lernen, das, was mir immer wieder angetan wurde, auch immer wieder zu vergeben. Das war mit Sicherheit auch eine wichtige Lektion.

Hierfür ist es elementar wichtig, das Evangelium wirklich zu verstehen, zu glauben und uns selbst – gerade in der Depression – immer wieder zuzusprechen. Nur durch das Wissen, dass Jesus Christus am Kreuz für meine Schuld gestorben ist, begraben wurde, auferstanden ist und jetzt für mich bei Gott, dem Vater, eintritt, nur dadurch weiß ich sicher, dass mir ein für alle Mal vergeben ist, und kann selbst immer wieder vergeben und in innerer Freiheit leben.

Ich habe versucht, mein Leben und meine Beziehungen wirklich zu durchforsten und zu schauen, ob ich irgendjemandem, irgendwo in einem versteckten Winkel meines Herzens noch nicht vergeben habe, etwas nachtrage, ein bisschen Bitterkeit konserviere … um wirklich froh und frei zu werden, ist es wichtig, dass wir alles vergeben, auch die kleinen alltäglichen Kränkungen, erst recht die großen, tiefen Verletzungen. Leider stelle ich immer wieder bei mir fest, dass ich binnen kürzester Zeit aus Unversöhnlichkeit heraus depressiv verstimmt werden kann. Wenn man nun also eine große unvergebene Last über Jahre mit sich herumträgt, ist eine Depression, denke ich, unvermeidlich.
Egal wie lange das Geschehene her ist und wie schlimm es gewesen ist, egal wie viel „Gras über die Sache gewachsen ist“  – wenn du noch nicht vergeben hast, tu es am besten sofort. Dabei kann es hilfreich sein, die Sache vor einem andern Gläubigen auszusprechen und mit ihm gemeinsam zu beten.  

Wer nicht bereit ist komplett und vorbehaltlos zu vergeben, ist dazu verdammt, gefoltert zu werden von Wut, Bitterkeit, Hass, Traurigkeit etc. So verstehe ich Matthäus 18, 21-35.

Umgekehrt hilft es mir auch, wenn ich immer wieder meine eigene Schuld vor Gott und Menschen bekenne und um Vergebung bitte. Schiebe ich das vor mir her, geht es mir oft tagelang elend. Die Depression kann helfen, uralte, aber unbereinigte Schuld aufzudecken oder überhaupt sensibel zu werden für die absolute Wichtigkeit der Vergebung. Wir lesen es bei David in den Psalmen, wie sehr er unter der Schuld gelitten hat, und wie sie ihn krank gemacht hat (Psalm 32). 

Die Depression hat mein Gottesbild verändert.

Eben durch diese Unfähigkeit zu tun und zu leisten, wie ich es gewohnt war, musste ich mich ganz neu mit meiner Identität, meinem Selbstbild, auseinandersetzen. Wer bin ich eigentlich? Wie sieht Gott mich? In seiner Gnade hat Gott mein falsches Denken über ihn und mich aufgedeckt. Ich habe das oben bereits erwähnt. Das war so heilsam. Ich habe wohl zum ersten Mal im Leben Gottes tiefe Liebe für mich wirklich angenommen und geglaubt. Gottes bedingungslose Liebe. Gottes opferbereite Liebe. Ich bin immer noch am Lernen und Verstehen. Es gibt wohl wenig, was mir schwerer fällt zu glauben, als dass Gott mich wirklich liebt, mag, will, gut findet … mit allem, was er so an mir gemacht hat. Dazu war mir die Depression eine große Hilfe. Ich durfte ihm auch meine ganze Verzweiflung sagen, sie vor ihm aussprechen. Das habe ich mir bei Hiob abgeschaut. Ich dachte mir: Wenn Hiob das sagen durfte, und Gott es hat in die Bibel schreiben lassen, dann kann ich das ja auch machen. So habe ich Gott alles gesagt, was ich dachte und fühlte. Gott hat das ausgehalten und mich weitergeliebt und mir auch gezeigt, wo ich einfach nur Unrecht habe.
Obwohl man meinen könnte, dass eine Depression dazu führt, dass man Angst vor Gott bekommt oder ihn als einen strafenden, lieblosen Gott erlebt, der einen leiden lässt, ist bei mir genau das Gegenteil passiert. Ich durfte Gott kennenlernen als meinen liebenden Vater und meinen aufopferungsvollen Herrn Jesus. Gerade im allertiefsten Moment, als ich nicht mehr leben wollte, als ich aus Gottes Hand springen und alles hinter mir lassen wollte, weil ich mir sicher war, dass ich es nicht mehr aushalte, da hat Gott mich fühlen und erfahren lassen, dass sein Wort wahr ist – auch in meinem Leben. Das werde ich wohl nie vergessen. Er hat mich einfach festgehalten. ER hat mich bewahrt, ER hat mich vor mir selbst beschützt. ER hat MICH gehalten, als ich ihn loslassen wollte. Johannes 10, 27-28: …und niemand wird sie aus meiner Hand reißen … und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters reißen … Das war ein schrecklicher Moment, ein ganz schrecklicher, aber im Rückblick ein wunderbares Erleben der Gnade Gottes.  

Wie kann ich Gott selbst in der Depression verherrlichen? Die kurze Antwort lautet: Ausharren!

Und ihn bitten, die Depression zu benutzen, um etwas Schönes aus dir zu machen, Dreck rauszuspülen. Achtung! Ich möchte mit diesem Text nicht sagen, dass Depressionen immer unmittelbar mit einer offensichtlichen Sünde in unserem eigenen Leben zu tun haben. Es gibt viele Ursachen, weshalb man depressiv wird. Nicht selten ist es die Sünde anderer Menschen, die an uns schuldig geworden sind und unsere nicht heilsame Reaktion darauf, die uns deprimiert und niederdrückt bis hin zur Verzweiflung. Unser Leben hier auf der Erde ist geprägt von Sünde und Schuld, unserer oder die unserer Mitmenschen. Solange wir in dieser gefallenen Welt leben, wird es mit Sicherheit Depressionen geben. Ich nehme an, sie werden mehr und nicht weniger. Gründe dafür gibt es genug. Aber wir haben einen Gott, der damit umgehen kann. Das ist sehr tröstlich. Ich denke, Depressionen gab es schon zur biblischen Zeit – auch wenn sie damals nicht so genannt wurden, finden wir die Symptome in der Bibel. Einige Beispiele:

  • Ich bekomme nicht meinen Willen oder nicht das, wovon ich meine, dass es mir zusteht: Ahab und Jona
  • Ich habe gesündigt und möchte es nicht zugeben: David
  • Ich bin erschöpft vom Dienst für den Herrn: Elia, vielleicht auch Paulus
  • Ich bin Opfer von absolut ungerechter Behandlung und kann nichts dagegen tun: David

Fragen, die für mich wichtig waren:

  • Warum versuche ich, immer alles perfekt zu machen, warum versuche ich, es immer allen recht zu machen? Warum ist es mir so wichtig, was Menschen über mich denken?
  • Glaube ich, dass Gott mich liebt? Wer bin ich eigentlich, und wer oder was gibt mir Wert?
  • Wie werde ich meine zermürbende Schuld und die Anklagen los?
  • Welchen Sinn hat mein Leben, wenn ich nie wieder aus diesem Zustand heraus komme?

Nachruf auf meinen Vater

sunset-100367_1920Vor gut drei Wochen ist mein Vater mit 92 Jahren heimgegangen zu seinem Herrn. Sein letztes halbes Jahr war gekennzeichnet von Demenz, einem zunehmendem Verlust von Orientierung und Kompetenzen, von  Stürzen, Schmerzen, Unruhe, von der Schwierigkeit, sich sinnvoll zu beschäftigen, weil Körper und Kopf nicht mehr mitmachten. Es war nicht leicht für ihn. Wir dachten oft: Wie lange wird das noch so gehen? Aber im Rückblick: Was ist ein halbes Jahr in Relation zu 92 Lebensjahren? Jetzt ist dieses letzte halbe Jahr noch so sehr präsent, wenn wir an Papa denken, aber was wird in 10 Jahren – wenn wir dann selbst noch hier sind – im Fokus unserer Erinnerungen stehen?

Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Ich lese gerade in der Bibel die Geschichte Abrahams und bin heute bei seinem Tod angelangt. Abraham war nicht perfekt – mein Vater auch nicht (wie keiner von uns). Es gab Dinge, wo ich mir bis zum Schluss eine Änderung des Denkens gewünscht hätte. Die Bibel macht aus Abrahams Fehlern und Schwächen keinen Hehl, aber sie zieht ein Fazit, das über alles entscheidet, das den Grundtenor seines Lebens beschreibt:

Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. (Römer 4,3)

Das kann ich für meinen Vater auch ganz sicher sagen. Er glaubte Gott und verließ sich nicht auf seine eigene Gerechtigkeit. Als junger Mann in belgischer Kriegsgefangenschaft, als ihn seine Schuld quälte und er Vergebung suchte, hat er sein Vertrauen auf Jesus gesetzt, der ihn nie mehr losgelassen hat. Er strebte danach, diesen Glauben durch Gehorsam und Treue zu Gott zu zeigen. Ich bin Gott sehr dankbar für sein Leben und Vermächtnis. In der Auslegung der Bibel hatten wir in Nebenpunkten ein paar divergierende Auffassungen, aber er war immer mein Vorbild, was einen echten, authentischen und konsequenten Glauben betrifft.

Vermisse ich ihn? Unser irdisches Leben ist der Vergänglichkeit unterworfen. Das Sterben ist – das wurde mir in letzter Zeit deutlich – nicht nur ein Punkt, sondern ein Prozess, vor allem wenn man so alt wird. Es ist, wie wenn bei einer Lichterkette ein Licht nach dem anderen ausgeht. Papa hat seinen Auftrag auf Erden erfüllt. Er war “der Tage satt”. Er war bis zum Schluss selbst in seiner Demenz der Fürsorgliche, der morgens den Tisch decken wollte, aber manchmal wusste er nicht mehr, wer meine Mutter war. Die Zeit des Gebens und Sorgens, des Vermittelns und Beschützens ist jetzt ausgelaufen. Er hat für uns getan, was er konnte.

Ich weiß, dass er jetzt am Ziel seiner Sehnsucht ist: Er betet seinen Erlöser an. Das hat er schon immer  und bis fast ganz zum Schluss gerne getan. Jeden Tag hat er, zuletzt mit Unterstützung einer CD, Glaubenslieder gesungen. Ich denke, damit ist er jetzt voll beschäftigt, und das ist etwas, was wir immer noch gemeinsam tun: Er in der unmittelbaren Gegenwart Gottes und ich im Straßenstaub dieser Erde. Er ist jetzt Teil der “vollendeten Gerechten” (Hebräer 12.23).

Wir wünschen ihn nicht zurück. Ich bin dankbar für die Zeit, wo er mein Vater war und für viele prägende Erinnerungen. Jetzt ist er bei Christus, und das ist “weit besser” (Philipper  1,23).

Auch ich geh weiter, nur ein wenig weiter, geh in Gottes Freude, geh in Gottes Licht hinein. Ich war für ein paar Jahre dein Begleiter, doch nun geh ich weiter, um bei meinem Herrn zu sein.

(Manfred Siebald)

Heute vor 46 Jahren

Return of the Prodigal Son 1667-1670 Murillo

Bartolomé Esteban Murillo [Public domain], via Wikimedia Commons

kam mir der himmlische Vater entgegengelaufen. Ich hatte mit meinem ganzen Sein gegen ihn rebelliert und war am Ende. Ich bin in seine Arme gefallen und konnte nur sagen: ich habe dir die ganze Zeit ins Gesicht gespuckt, und du hast mich geliebt!

Seitdem bin ich bei ihm zuhause, und immer noch ist er dabei, mir mein Erbe zu zeigen, alles, was er für mich hat in Christus. Ich habe es immer noch nicht ganz ausgelotet! Er lehrt mich die Tischregeln und den Umgangston und die Sitten des Hauses mit großer Geduld. Wie viele Fehler hat er mir immer wieder vergeben! Wie hat er mich immer wieder getröstet und aufgerichtet! Wie hat er nie aufgegeben und mich nie fallen gelassen! Er ist das Urbild aller Vaterschaft.

Vieles hab ich erst später verstanden, z.B. wie das Werk Jesu am Kreuz und diese liebevolle Aufnahme zusammenhängen. Ich muss immer noch viel lernen. Ich brauch immer noch Korrektur. Aber ich bin nicht verzagt, denn ich kenne ihn jetzt! Er hat die Verantwortung für mich übernommen, und er ist alles, was ich brauche.

Und du, wenn du am Ende bist, wenn du nicht mehr ohne ihn leben kannst, wenn du müde und beladen bist, wenn du weißt, dass du verloren bist, dann komm! Er ist voller Barmherzigkeit, und er wartet schon auf dich! Du musst nicht denken: ich kann nie so leben, wie Gott das will. Er weiß das schon, er kennt dich! Er hat alles bereit für dich, und er wird  dein Leben ändern. Du musst ihm nur die Regie übergeben.