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Vom Sorgenwerfen

Kennt ihr den Spruch: „Sorge ist wie ein Schaukelstuhl – sie hält dich immer in Bewegung, aber bringt dich nirgendwo hin“? Das ist wirklich wahr. Sorgen sind echte Energieräuber. Sie sind das Uneffektivste, womit du dein Leben verbringen kannst. Gewöhnlich drehen sie sich um Dinge, die sich unserer Kontrolle entziehen. Wir bilden uns allerdings oft ein, wenn wir uns lange genug das Gehirn zermartern, alle Leute und die KI fragen und uns durchgooglen bis zu Ergebnis 7.354, dass wir es dann vielleicht doch schaffen, irgendwie Herr der Lage zu werden.

Petrus hat ein besseres Rezept für uns.

In 1. Petrus 5,6.7 empfiehlt er uns:

Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.

Das ist kein Vorschlag aus einem Lebenshilfe-Ratgeber, sondern ein Befehl an Gottes Kinder. Das müssen wir uns klarmachen. Es geht nicht nur um unser Wohlbefinden – das tatsächlich auch – aber es geht auch um das Wohlbefinden der Menschen um uns her (ist dir schon mal aufgefallen, dass Sorgen keine gute Laune machen?), um unsere Funktionsfähigkeit im Alltag und last but not least um Gottes Ehre.

Erst vor einigen Jahren ist mir aufgefallen, dass der zweite Vers nicht ohne den ersten funktioniert. In vielen Bibeln sieht das aus, als seien das zwei unabhängige Verse, aber die Elberfelder Bibel und auch die englischen Bibeln zeigen, dass sie von einander abhängen, und dieser Zusammenhang ist wichtig.

Zuerst wollen wir uns mal den Gesamtkontext des Briefes anschauen. Petrus schreibt an verfolgte Christen, die leiden. Er sagt ihnen nicht, sie sollen zusehen, dass sie ihre Situation verbessern, oder Petitionen für Religionsfreiheit unterschreiben oder einen Freiheitskampf führen. Stattdessen rät er ihnen immer wieder zur Unterordnung unter die Situation und unter die menschlichen Einrichtungen, d.h. Regierungen, Steuern, Könige, Beamte  usw. Die Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen, die Frauen ihren Männern, die Jüngeren den Ältesten, alle sich gegenseitig. Das Leiden als Christen sollen sie auf sich nehmen mit der Hoffnung auf das himmlische Erbteil. Unterordnen heißt dabei nicht, apathisch und resigniert alles über sich ergehen zu lassen, sondern voller Hoffnung auf Gott und den himmlischen Lohn unbeirrt das Richtige zu tun.

Das ist also der Kontext dieser Verse im 1.Petrusbrief. Und die Angesprochenen hatten Sorgen! Sorgen wie: Wie ist mein Herr wohl morgen drauf? Krieg ich wieder Prügel? Ich bin schwanger – wie kann ich in so eine feindselige Umwelt ein Kind gebären? Welche Chancen hat das im Leben? Werde ich meinen ungläubigen Mann zu Christus führen können, oder wird er sich vielleicht von mir scheiden lassen und mir meine Kinder wegnehmen? Wenn sich meine Familie um des Glaubens willen von mir abwendet, wer versorgt mich im Alter (es gab ja noch keine Rentenversicherung)? Wie soll ich mich vor Gericht verteidigen gegen die Verleumdungen? Und dazu das allgemein menschliche Kopfkino, das wir auch kennen: Kommen wir aus mit dem Einkommen? Wie sollen wir die Rechnungen bezahlen? Was, wenn ich meinen Job verliere? Die politische Lage, Krieg und Unruhen, Angst um die Kinder, Krankheit unserer Lieben, unsere eigene Gesundheit und und und …

Also – was tun? Petrus sagt: Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes. Wenn er sagt: Demütigt euch nun, dann heißt das: „in Anbetracht von allem, was ich euch bis jetzt geschrieben habe.“ Und er hat zwar viel übers Leiden geschrieben, aber auch viel über die Herrlichkeit, über den ewigen Lohn, das ewige Erbteil, über die Möglichkeit, durch ihr Leben zu zeigen, wie Gott ist, ein Zeugnis zu sein, Menschen für Jesus zu gewinnen. Das liegt alles mit in diesem „nun“.

Was bedeutet es, sich unter die mächtige Hand Gottes zu demütigen? Es bedeutet, dass er der Herr und Meister ist, dass nicht ich die Kontrolle beanspruche, dass ich nicht bestimmen will, was er wann zu machen hat. Ich überlasse ihm den Ausgang der Angelegenheit, das Wann, Wie und Wo. Das mache ich aber nicht, weil er ein willkürlicher Tyrann ist, dem ich mich zwangsweise unterordnen muss, weil er ja die Macht hat, sondern weil er ein guter Vater ist. Ich vertraue ihm, dass er das tut, was er verspricht, nämlich mich erhöht „zur rechten Zeit“. Das Wort, das hier steht, ist Kairos, das ist der von Gott bestimmte ideale Zeitpunkt. Gott verspricht, dass er das Problem rechtzeitig löst.

Gottes Vorstellung von „rechtzeitig“ und meine Vorstellung von „rechtzeitig“ sind manchmal etwas unterschiedlich. Gott hat nämlich Zeit. Sarah kann mit ihren 90 Jahren nur noch darüber lachen, dass sie noch ein Kind bekommen soll. Der Zug ist abgefahren, denkt sie. Aber falsch gedacht! 400 Jahre lässt Gott sein Volk leiden in Ägypten. Mose schickt er 40 Jahre in die Wüste, bis er ihn beruft, und dann noch mal 40 Jahre auf Wüstenwanderung. Zacharias und Elisabeth werden alte Leute, bis Johannes geboren wird. Aber Gott sagt: Alles geschieht rechtzeitig, nicht nur so ungefähr, mit einem kleinen bisschen Verspätung, sondern haargenau. Gottes Abwarten liegt nicht daran, dass er uns vergessen hat oder unsere Not und unsere Sorgen ihm egal sind. Er fühlt die ganze Zeit mit uns, aber er verfolgt einen Plan, den wir nicht sehen. Wie Hiob seine Situation empfand, das wird uns ja in seinem Buch beschrieben. Er hatte nicht den Eindruck, dass Gott mitfühlend und barmherzig ist, sondern beschwerte sich, dass Gott ihn als Zielscheibe aufgestellt hätte, denn so hat es sich angefühlt. Aber so war es nicht.

Wir haben mit der Bibel ein ganzes Buch, das uns bei den Lebensgeschichten anderer Leute (z.B. Hiob, Joseph, Moses, Daniel, Paulus … ) immer wieder einen Blick hinter die Kulissen erlaubt. Nur bei uns selbst ist uns das im Allgemeinen verwehrt. Aber Gott gewährt uns diesen Blick, damit wir wissen, dass er auch in unserer Geschichte derselbe Gott ist.

Interessanterweise wird auch von Jesus gesagt, dass er sich erniedrigte (und das ist im Griechischen genau dasselbe Wort wie „demütigt [euch]“ hier) und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz (Philipper 2,8). Wir wissen, dass er im Garten Gethsemane betete: Nicht mein Wille, sondern der deine soll geschehen. Das gehört dazu: Die Hingabe an Gottes Willen, an seine höheren Pläne und die Bereitschaft, dafür zu leiden. Übrigens vertraute auch Jesus darauf, dass er erhöht werden würde zur rechten Zeit!

Wenn man sich nun unter Gottes Hand gedemütigt hat, seine Macht und Überlegenheit anerkannt, aber auch seine Weisheit und seine Güte – wie funktioniert dann das „Sorgenwerfen“? Werfen ist ein interessantes Bild. Ich war immer sehr schlecht im Sport. Die Bundesjugendspiele waren ein Tag der Schmach und Schande für mich. Ich war immer froh, wenn der Ball nach dem Werfen irgendwo vorne und nicht hinter mir landete. Ich habe mir jetzt mal so ein Video angeschaut: Wie wirft man eigentlich? (Leider war ich lange vor YouTube Kind.) Aber ein paar Sachen sind klar: Ich muss den Ball wirklich loswerden wollen. Ja, will denn nicht jeder seine Sorgen loswerden?

Manchmal nicht. Manchmal haben wir Bedenken, was Gott mit unseren Sorgen macht. Am Ende macht er das nicht so, wie ich es gerne hätte? Vielleicht sollte ich mich doch lieber selbst drum kümmern? Dann habe ich vielleicht ein bisschen mehr Einfluss darauf …

Schlag dir das aus dem Kopf! Du musst den Ball loslassen, und zwar ganz und gar und mit Schwung, so dass du ihn nicht mehr einholen kannst. Dein ganzer Mensch muss das Problem auf Gott legen wollen, egal was er damit macht. Und – das habe ich aus diesem Video gelernt – du musst dahin schauen, wo der Ball landen soll. Schau auf den Gott, der seinen Sohn für dich gegeben hat. Auf den Gott, der versprochen hat, dass dir alles zum Besten dienen wird, dass er dich ans Ziel bringt, dass du seinem Sohn gleichgestaltet wirst! Auf den Gott mit dem guten Plan und der großen Macht.

Wenn ich werfe, dann berufe ich mich auf alles, was Gott verheißen hat und was er ist, und ich akzeptiere auch, was er nicht verheißen hat: Er hat nicht verheißen, dass ich auf dieser Erde nicht leiden werde, aber er hat versprochen mich nie zu verlassen, mir jeden Tag zu geben, was ich brauche, und er hat versprochen, mich zur rechten Zeit zu erhöhen.

Es gibt noch eine weitere Wurf-Anleitung in Philipper 4,6. Da heißt es:

Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.

Wie lässt man seine Anliegen vor Gott kundwerden? Gebet, Flehen und Danksagung. Das hört sich recht ausführlich an. Wir agieren manchmal bei Gott so seltsam, wie wir es sonst nie tun würden, wenn wir Hilfe suchen. Wir wollen das so nebenbei erledigen. Wir sind wie kranke Leute, die jeden Tag beim Arzt anrufen und ins Telefon schreien: „Helfen Sie mir!“ Ehe er fragen kann bei was und wieso, haben wir schon wieder aufgelegt. Wir müssen unser Anliegen kundwerden lassen! Das heißt: Ich muss ihm alles sagen. Ich brauche einen Termin mit Gott, bei dem ich alles rauslasse, was mich quält, womit ich nicht klarkomme, wovor ich Angst habe. Das geht nicht nebenbei. Es ist nicht so, als käme Gott ohne unsere Information nicht zurecht. Er will das so, weil wir das brauchen. Wir brauchen das Bewusstsein: Ich hab´s ihm gesagt. Ich habe den Ball geworfen. Er ist jetzt bei ihm. Er kümmert sich, er ist für mich besorgt, wie Petrus sagt. Und wenn dir später noch was einfällt, gehst du noch mal hin. Und sprich ihm dein Vertrauen aus! Danke ihm, dass er das alles erledigen wird, dass er es perfekt und zuverlässig machen wird.

Was Gott nicht braucht – genau wie der Arzt, der schätzt das meist auch nicht – sind unsere Vorschläge, mit welchen Schritten er das Problem lösen könnte. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich sage: Vielleicht könntest du das doch so und so machen (nur für den Fall, dass ihm die Ideen ausgehen). Maria, die Mutter Jesu, ist uns da ein großes Vorbild bei der Hochzeit zu Kana. Zur ultimativen Peinlichkeit für das Brautpaar war der Wein ausgegangen. Noch bis zur goldenen Hochzeit hätten die Leute Videos davon gepostet, wie alle heimgegangen sind, weil die Party vorzeitig zu Ende war. Da geht Maria zu Jesus und sagt: „Sie haben keinen Wein.“ Dann weist sie die Diener an: „Macht, was er euch sagt.“ Sie sagt nicht: „Guck mal Jesus, da steht jede Menge Wasser zum Füßewaschen – könntest du da nicht Wein draus machen? Ich gebe dir die Tipps, und du vollbringst das Wunder.“

So machen wir das leider oft.

Es gibt verschiedene Arten zu beten. Es gibt das Kämpfen für das Reich Gottes mit Anliegen, die uns in Gottes Wort vorgegeben sind. Es gibt das Gebet des Glaubens, wenn Gott uns die Gewissheit für einen bestimmten Ausgang gibt, weil er uns etwas versprochen hat. Das Sorgenwerfen ist ein Gebet, wo wir uns mehr auf Gottes Charakter und Fürsorge verlassen als auf eine spezifische Lösung.

Ich muss den Ausgang nicht wissen und kontrollieren. Ich muss nicht alles überschauen. Es langt, wenn Gott es überschaut. Er ist immer da und trägt mich durch alles durch. Er macht das rechtzeitig. Ich kann mich darauf verlassen.

Das schwierige Hier und Jetzt und der Blick auf das Ziel

Photo by <a href="https://unsplash.com/@yosef_fxum?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Yosef Futsum</a> on <a href="https://unsplash.com/s/photos/goal?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Unsplash</a>Ich habe gerade eine Biografie Hudson Taylors gelesen. Was mich am meisten beeindruckt hat – neben dem Glauben dieses Mannes – , war sein großes Durchhaltevermögen trotz all des Widerstandes aus den Reihen seiner Mitgläubigen und der häufigen Machtkämpfe und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Mission. Das alles kann man nur aushalten, wenn man 1. Gott vertraut, dass sich sein Plan trotzdem erfüllt, und 2. einen Blick weit darüber hinaus hat, eine Hoffnung und ein Ziel.

Nun ist mir heute in meiner stillen Zeit das gleiche Motiv wieder begegnet. Ich bin mit meiner Bibellese gerade im Lukasevangelium bei dem letzten Passafest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.

Sie sind die Menschen, die Gott ihm gegeben hat, die er so sehr liebt, in die er Tag und Nacht investiert hat, mit denen er Großes vorhat. Er hat sich von ganzem Herzen danach gesehnt, dieses Passa zum letzten Mal in dieser Welt mit seinen Freunden zu feiern. Er sieht klar, was vor ihm liegt:  die volle Entladung von finsterstem Hass, Verleumdung, falsche Anklage, offener Rechtsbruch, Folter, Tod und Schande. Wenn man jemals Freunde bräuchte, dann jetzt. Er weiß auch, dass einer von ihnen sein Verräter sein wird, aber das weiß er schon länger. Aber nun … fangen diese Freunde, mit denen er gerade versucht hat, über diesen Verrat und seinen Tod zu sprechen, einen Streit an: Wer unter uns ist denn der Wichtigste? Wer ist hier der Chef? Und nachdem Jesus ihnen geduldig und mit Beispiellektion noch einmal erklärt hat, wie sie eigentlich denken und handeln sollten, sagt er ihnen, wo er diese Chaoten in der Zukunft sieht: Auf zwölf Thronen in seinem Reich als Richter über die zwölf Stämme Israels.

Aber im Hier und Jetzt wird Petrus ihn erst mal verleugnen. Diesen Nazarener? Kenn ich nicht. Keine Ahnung, hab ich nichts mit zu tun! Was sagt Jesus ihm? Das wirst du tun, aber du wirst zurückkommen zu mir und deinen Brüdern eine große Hilfe sein.

Dann hat Jesus noch einen großen Kampf auszufechten. Er muss sich gegen seine Angst ganz dem Willen des Vaters übergeben, und auch wenn er das nur allein tun kann, so wäre es doch schön, wenn seine Freunde mit ihm wachen würden. Aber sie sind einfach nur schwache Menschen, sie schaffen es nicht. Die Depression umfängt ihre Seele, und sie flüchten vor der harten und unausweichlichen Realität in den Schlaf, statt sich ihr zu stellen. Sie verstehen nicht, wie man geistlich kämpft, sie verstehen sich nur auf fleischliches Kämpfen, und den Schaden, den Petrus mit seiner “Hilfe” anrichtet, muss Jesus dann auch noch reparieren.

Und ach! ich erkenne mich so sehr selbst in ihnen, und ich erkenne meine Brüder und Schwestern. Wir neigen ja dazu, wenn Leute uns auf die Nerven gehen, ihre Echtheit anzuzweifeln und von “sogenannten Gläubigen” zu sprechen (nur wir sind immer echte Gläubige). Jesus tut das nicht (Judas ist eine Ausnahme). Nein, er verordnet ihnen ein Reich, er betet für den schwachen Petrus, er macht aus Petrus’ blödsinniger Verteidigungsaktion ein Heilungswunder, und er geht seinen Weg geradeaus und allein und liebt sie trotzdem. Er sieht durch alle Offensichtlichkeiten hindurch: Von nun an wird der Sohn des Menschen sitzen  zur Rechten der Macht Gottes (Lukas 22,69).

In Hebräer 12,1-3 wird uns das Geheimnis des Durchhaltens so beschrieben:

… lasst uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt,  indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete, und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.  Achtet doch auf ihn, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und den Mut verliert!

Mit Petrus durch die Pandemie

UnbenanntFür letztes Jahr hatte ich mir ein Projekt vorgenommen: Ich wollte den 1.Petrusbrief auswendig lernen. Ein Jahr lang zwei Verse die Woche erschien mir moderat und machbar. Und tatsächlich war es eine tolle Erfahrung – die Anwendungen waren überall gegenwärtig und meine armen Freunde mussten sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Zitate aus dem 1.Petrusbrief anhören.

Was also hab ich von Petrus gelernt? Ein paar Punkte:

1. Was uns lang und überflüssig vorkommt, ist kurz und nötig. Die Schwierigkeiten der Menschen, denen Petrus schrieb, waren anders als unsere. Aber sie hatten auch die Tendenz, sie mürbe zu machen. “Hat das nie ein Ende? Was fällt denen, die am längeren Hebel sitzen, noch alles ein? Wie kann ich so meinen Glauben leben?” Petrus gibt uns eine andere Perspektive. Zweimal, am Anfang (1.Petrus 1,6) und am Ende (1.Petrus 5,10) sagt er, dass es sich nur um einen kurzen Zeitabschnitt handelt, durch den wir durch müssen, weil es nötig ist. Unser Glaube muss auf Echtheit geprüft werden, und danach kommt ewige Herrlichkeit.

2. Die Bruderliebe darf unter der Krise nicht leiden. Sie soll anhaltend sein. Wir dürfen nicht aufgeben, einander zu vergeben und einander zu dienen. Durch unseren Umgang miteinander muss Christus verherrlicht werden. Manchmal bedeutet das, sich wirklich ein Bein auszureißen, um jeden mitzunehmen, der Ängste oder Gewissenskonflikte hat, und  unseren Perfektionismus oder Starrsinn zu opfern. In dieser Pandemie hat der Teufel wirklich viele Ideen entwickelt, um Christen zu spalten, und wir sollten ihm keinen Raum geben. Paulus sagt es so: “Ein Jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das des anderen.”

3. Hüte dich vor Lug und Trug und üblem Nachreden. Die Welt strotz vor Lügen. Wir befinden uns in einem satanischen Informationskrieg, der durch die Möglichkeiten des Internets jeden erreicht und verwirrt. Skepsis gegen alle Medien, gleich welcher Couleur, ist sicher angebracht. Als die Pandemie über uns hereinbrach, war ich auch schnell, Partei für bestimmte Sichtweisen zu ergreifen, bis mir auffiel, dass ich Dinge behauptete, die ich nicht wirklich wusste. Ich glaube, es braucht Bescheidenheit, um zuzugeben, dass man nicht in jedem Fall die Wahrheit herausfinden kann. Gott hält manche Sachen unter Verschluss.  Ein bisschen “Ich weiß es nicht” steht uns Sterblichen ganz gut. Gott wird zu seiner Zeit das Verborgene offenbar machen. Wir müssen uns aber davor hüten, Menschen zu verdächtigen und zu beschuldigen und Böses über sie zu reden, wenn wir es nicht sicher wissen (s, auch  1.Petrus 2,1). Das gilt sogar für Politiker.

4. Äußere Freiheit ist überbewertet. Manchmal ist die Bibel gar nicht so leicht zu verkraften. Dass es Sklaven gibt, Menschen, über deren Leib und Leben “Herren” verfügen, scheint für Petrus kein Problem zu sein. Er fordert sie nicht zum Freiheitskampf auf, sondern sagt, sie sollen sich unterordnen. Dasselbe sagt er allen in Bezug auf die Obrigkeit und den Frauen in Bezug auf die Männer. Das stößt uns mit unserem Anspruch auf persönliche Freiheit ganz schön auf. Wir sind es gewohnt, in “Rechten” zu denken. Petrus hält sich damit nicht auf. Wenn man euch Unrecht tut, verherrlicht Christus damit. Eure Freiheit besteht darin, Sklaven Gottes zu sein und Gutes zu tun. Kein Grund zu Aufregung und Aufruhr! Unser äußerer Freiheitsstatus scheint für Gott ziemlich zweitrangig zu sein, und unsere innere Freiheit kann uns niemand nehmen. Und wie äußert die sich? “Erweist jedermann Achtung, liebt die Bruderschaft, fürchtet Gott, ehrt den König!” Da bin ich oft schuldig geworden und übe noch.

5. Demütige dich unter die Hand Gottes. Wir dürfen und müssen unsere Hilflosigkeit eingestehen, und wir können es, weil einer für uns besorgt ist. Ich liebe es, wie die Elberfelder Übersetzung hier das eine mit dem anderen verknüpft:  “Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht zur ⟨rechten⟩ Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch” (1.Petrus 5,6-7). Erst wenn du akzeptierst, dass Gott als liebevoller Vater die Schwierigkeiten in deinem Leben verordnet hat (“weil es nötig ist”) und aufhörst, dagegen zu rebellieren, kannst du deine Sorgen wirklich abgeben.

6. Alles ist Jesus unterworfen. Der Teufel tobt und brüllt und versucht uns einzuschüchtern und durcheinanderzubringen, aber die Macht liegt bei Jesus (1.Petrus 3,22).  Wir sollten keinen Moment glauben, ihm sei irgendetwas entglitten. Wir können ihm inmitten aller Spannungen und Nöte unsere Seelen anbefehlen und dabei das Gute tun.

Wie Gott führt – 9 Beobachtungen aus dem Buch Ruth

railway-2100353_1920Ich habe vor kurzem das Buch Ruth im Alten Testament gelesen, ein kurzes Buch von gerade mal vier Kapiteln, die schnell durchgelesen sind. Ruth, die dem Buch den Namen gegeben hat, ist eine junge Frau, deren Vergangenheit schmerzhaft war, und deren Zukunft ungewiss und nicht sehr rosig vor ihr liegt, und die erlebt, wie Gott sie in (und aus) dieser Situation führt.

Dabei hat diese Führung ganz viele verschiedene Schichten, von denen sie keine Ahnung hat. Sie weiß nicht – und hat es wohl in diesem Leben nie erfahren – dass sie die Urgroßmutter des berühmten Königs David werden wird, dass sie eines Tages in der Abstammungstafel des Messias auftauchen wird, dass man ihre Geschichte noch tausende von Jahren später lesen wird … oder gar dass sie eine Art Vorgriff auf den zukünftigen Plan Gottes ist, ein Volk zu schaffen aus Israel und den anderen Nationen. Ihr selbst erscheint ihr Leben wahrscheinlich ziemlich klein, und die entscheidenden Fragen sind: Woher bekomme ich was zu essen? Wer wird mich und meine Schwiegermutter – beides Witwen – versorgen? Gibt es für mich noch Hoffnung auf eine glückliche Ehe und Kinder? Oder war das jetzt mein Leben, und ist meine Zukunft die alttestamentliche Variante von Hartz4, nämlich in der Ernte hinter den Schnittern her zu laufen und die Reste aufzusammeln und davon den Rest des Jahres kärglich zu leben?

Gott hatte schon längst einen Plan. Er brauchte dafür weder ihr Grübeln und Sorgen noch war sie daran unbeteiligt und lag einfach auf der Couch und wartete ab, was er vorhatte. Sondern diesen Plan erfuhr sie Schritt für Schritt, indem sie Gott vertraute, nicht faul war, sondern das Nächstliegende und Vernünftige in Angriff nahm.

Darin ist sie für uns ein echtes Vorbild, an dem wir uns orientieren können.

  1. Sie hat die richtige Haltung. Sie liebt ihren Nächsten, was in ihrem Fall ihre Schwiegermutter ist. Sie will ihr beistehen und sie nicht alleine lassen. Zu keiner Zeit geht es ihr um sich selbst.
  2. Sie vertraut Gott, was für sie impliziert, dass sie sich zu seinen Leuten und seinem Volk hält, obwohl sie eigentlich eine Fremde ist.
  3. Sie erfährt, was in Israel für sie als Witwe unter der Armutsgrenze möglich ist und tut es. Sie wartet nicht, dass irgendjemand anders etwas für sie tut, im Gegenteil. Sie hat Initiative.
  4. Sie ist außerordentlich fleißig und gewissenhaft in dem, was sie tut.
  5. Als Gott ihr die Gunst Boas´zuwendet, schnappt sie nicht gleich über und schmiedet manipulative Pläne, sondern nimmt das einfach dankbar und demütig an.
  6. Sie hört auf den Rat Naomis, die ihr in Lebenserfahrung weit voraus ist.
  7. Sie zeigt Mut in ihrem Gehorsam. Naomis Vorschlage waren nicht ohne Risiko.
  8. Sie kommuniziert eindeutig mit Boas. Sie sagt genau, was sie will, manipuliert nicht, macht keine Spielchen.
  9. Sie geht konstant und bis zum Schluss einen Weg, auf dem sie eigene Wünsche und Ansprüche einem höheren Ziel und den Ordnungen Gottes unterordnet. Gerade weil es in ihrem Herzen und Handeln nicht um  “mir, meiner, mich” geht, kann Gott sie so großzügig beschenken, dass sie in nichts zu kurz kommt.

Man kann an ihr studieren, dass wir, um Gottes Führung zu erfahren, keinen Engel vom Himmel mit einem persönlichen Wort an uns brauchen. Gottvertrauen und ein reines Herz sind der Schlüssel.

Und: Gottes Pläne für unser kleines Leben passen wunderbar in seine großen Pläne für die Welt. Keiner von uns könnte sich so etwas ausdenken und planen. Er ist der Meister-Koordinator.

Tipps fürs innere Gleichgewicht (3)

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Es kommt nicht mehr so oft vor wie früher, aber ab und zu bin ich auch mal so richtig durcheinander. Das kann viele Gründe haben: Entscheidungen, die man ins Ungewisse treffen muss, Unsicherheit, ob man in einer Situation richtig gehandelt oder geredet hat, Stress in Beziehungen, Enttäuschungen, Ängste, zerschlagene Pläne, Flashbacks von schmerzhaften Erlebnissen … jeder von uns kennt seine eigenen Trigger, die plötzlich die endlose, fruchtlos kreisende innere Diskussion im Kopf lostreten, deren man nicht mehr Herr wird.

Was kann man da tun?

Für mich hat sich nur eins bewährt: Gott das Herz auszuschütten. Damit meine ich kein kurzes Stoßgebet (das hat auch seinen Platz) , auch kein vorformuliertes Gebet aus einem Gebetbuch, sondern ein ganz persönliches und gründliches Ausbreiten des Problems vor Gott, wo nichts zurückgehalten wird, weder Gefühle noch Gedanken noch Fragen noch die Schuld, die mich vielleicht drückt. Es muss alles zur Sprache kommen – Gott will es hören. Tränen sind okay. Es ist gut, wenn irgend möglich, laut zu beten. Wenn das nicht geht, dann betet man vielleicht wie Hanna in der Bibel, die nur ihre Lippen bewegte. . Aber du musst dir sicher sein, dass du nicht nur Gedanken hin- und herschiebst, sondern wirklich mit Gott sprichst.

Ich schütte meine Klage vor ihm aus und verkünde meine Not vor ihm.Wenn mein Geist in mir verzagt ist, so kennst du doch meinen Pfad … Psalm 142,3

Und dann wird er antworten. Dafür musst du nicht “in dich hineinlauschen”. Du musst es nur im Glauben annehmen, dass er sich drum kümmern wird. Vielleicht werden dir gleich Dinge klar, vielleicht erfährst du die Antwort durch eine Predigt oder beim Lesen in Gottes Wort oder durch ein seelsorgerliches Gespräch, vielleicht durch praktische Lösungen, die sich plötzlich auftun. Es gibt auch Antworten, die Jahre brauchen, weil unser Herz dafür noch nicht bereit ist, weil wir noch mehr Selbst- und Sündenerkenntnis brauchen, weil wir noch falsche Haltungen ablegen müssen, weil uns noch Erkenntnis fehlt. Aber Gott wird die Sache in die Hand nehmen und das alles in die Wege leiten. Du darfst nach diesem Ausschütten des Herzens in Frieden weggehen wie ein Kind, das dem Papa das kaputte Spielzeug oder die verknotete Schnur gebracht hat und weiß: Er kümmert sich drum. Er kann das reparieren.Er kann die Knoten entwirren. Ich kann ihm vertrauen. Und du kannst davonhüpfen, frei und unbelastet.

Und dann denkst du nur: Warum habe ich das nicht gleich gemacht?