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Als Petrus seine Geschwister verleugnete

Download-1 Was für eine große Freude war das für die Christen in Antiochien, dass Petrus sie besuchte! Sie hatten so viel von ihm gehört … gehörte er doch zu denen, die von Anfang an bei Jesus gewesen waren, ein echter Augenzeuge. Und jetzt war er ein Leiter der Jerusalemer Gemeinde, von der sie ja irgendwie alle “abstammten”. Wie mutig er vor den Obersten gepredigt hatte, dass er sich mit Freuden hatte schlagen und ins Gefängnis werfen lassen für den Namen Jesu, dass der Engel ihn wunderbar herausgerettet hatte – all diese Geschichten hatten sie gehört. Und sie wussten auch, dass Paulus ihn und die anderen Leiter in Jerusalem besucht hatte, nachdem es ziemliche Unruhe gegeben hatte, ob sie, die ja keine Juden waren, nun beschnitten werden und sich an das mosaische Gesetz halten müssten.

Dann kamen Paulus und Barnabas in Begleitung einiger ausgewählter Männer mit einem Brief aus Jerusalem zurück, unterschrieben von den  Aposteln und Ältesten. Was darin stand, hatte sie sehr erleichtert. Nämlich, dass sie alle unisono zu dem Schluss gekommen waren, dass sie, die Christen aus den Heidenvölkern, das Gesetz nicht halten mussten. Also keine Beschneidung, keine Gelübde, keine Tempelbesuche, keine Opfer, keine Sabbatfeiern und jüdischen Feste, und ihr Schweinefleisch konnten sie auch gerne weiter essen! Sie brauchten nichts außer Jesus, der ihnen ein neues Leben aus dem Heiligen Geist geschenkt hatte, als sie an ihn geglaubt hatten! Ihr Leben musste nicht kompliziert werden, um Gott zu gefallen. Nur von den Götzenopfern, von Blut und Ersticktem und von der Unzucht sollten sie sich enthalten.

Sie waren jetzt – nicht auf der Basis von Abstammung und Gesetz, sondern in Jesus – eins mit der Jerusalemer Gemeinde und allen Geliebten Gottes. Sie gehörten jetzt zu seinem Volk.

Deswegen war es so eine große Freude, dass Petrus sie persönlich besuchte und ihnen dies und das von seinen Erfahrungen mit Jesus erzählen konnte. Er konnte auch aus erster Hand berichten, wie alles angefangen hatte an Pfingsten, wie sie alle Güter geteilt hatten, dass viele in Jerusalem aufgrund der Verfolgung jetzt verarmt waren, dass sie das alles aber mit Freuden auf sich nahmen um Jesu willen. Wie gerne wollten sie da helfen und die Geschwister materiell unterstützen, weil sie spürten, dass die Liebe Jesu sie mit ihren jüdischen Brüdern und Schwestern verband!

So saßen sie jeden Abend mit Petrus und den anderen Brüdern zusammen, redeten, aßen zusammen, beteten und hatten wunderbare Gemeinschaft, bis …

… eines Tages jemand hereinkam und  Petrus was ins Ohr flüsterte: “Die Jakobus-Fans aus Jerusalem sind im Anmarsch.” Jakobus konnte nichts für seinen Fan-Club, aber weil er sich weiter an das Gesetz hielt, hatten sie sich ihn zum Vorbild genommen. Und diese Leute hatten so ihre Befürchtungen, dass da in Antiochia etwas ganz schön aus dem Ruder lief, dass diese gesetzlosen Heiden ein schlechter Einfluss waren auf ihre jüdischen Brüder. Sie waren gekommen, damit alles wieder seine Ordnung bekam und das Gesetz seinen Platz behielt. Rechtfertigung aus Glauben war ja gut und schön, aber das konnte höchstens der Anfang sein. Danach musste auch für die Heiden das Gesetz zum Standard werden.

Petrus wurde panisch. Wenn die ihn hier an diesem Tisch erwischten, dann war sein guter Ruf für alle Zeiten dahin. “Die sollten uns lieber nicht hier antreffen”, sagte er zu seinen Begleitern. “Dann sind wir ruiniert. Dann gehen über uns dieselben Gerüchte um wie über Paulus.” Von Paulus wurde nämlich überall herumerzählt, er mache die Juden vom Gesetz abtrünnig und agitiere gegen  jüdische Sitten und Gebräuche wie die Beschneidung.  Und wenn diese Leute ihn nun hier sähen, wie er mit Heiden an einem Tisch sitzt und isst … 

Das darf nicht passieren, beschließt er. Er steht auf und geht. Seine Begleiter  schließen sich ihm an. Auch Barnabas, der die Geschwister in Antiochia bis jetzt immer nur ermutigt hat, bei der Gnade Gottes zu bleiben, der sie mit Paulus gegen die Judaisten verteidigt hat, ist auf einmal verunsichert und verlässt die Tischgemeinschaft.

Nun sitzen die “Heiden” allein am Tisch. Verwirrt schauen sie sich an. Was bedeutet das jetzt? War doch alles ein Irrtum? Doch nicht ein Volk Gottes? Reicht die Gnade doch nicht? Haben sie den Brief aus Jerusalem, haben sie Petrus falsch verstanden? Bleibt da doch für immer ein Zaun zwischen ihnen? Hat Petrus einen Fehler gemacht, sie einfach so als Brüder anzunehmen, und das gerade eben gemerkt? War das mit der brüderlichen Liebe nur eine schöne Illusion?

Und Paulus? Er steht jetzt auf und stellt sich Petrus in den Weg. Seine Stimme ist traurig, aber laut und klar. “Petrus”, sagt er, “was soll diese Heuchelei? Was du tust, ist falsch. Du selbst lebst nicht wie ein Jude, und jetzt willst du deine heidenchristlichen Geschwister zwingen, jüdisch zu leben? Wir wissen doch, dass wir alle, ob Juden oder andere Völker, durch das Gesetz nicht für gerecht erklärt werden können. Nur durch den Glauben an Christus ist das möglich. Wenn du den Zaun schon abgebrochen hast und jetzt wieder aufrichtest, dann sagst du damit, dass du es vorher falsch gemacht hast. Oder willst du sagen, Christus hat es falsch gemacht, dass er uns alle aus Gnade gerettet hat? Ich möchte die Gnade Gottes nicht für ungültig erklären. Wenn das Gesetz uns gerecht machen könnte, dann wäre Christus umsonst gestorben.”

Mit diesen Worten rückte Paulus wieder zurecht, was sich verschoben hatte. Großes Aufatmen! Wie Petrus reagiert hat, wird uns in dieser Geschichte in Galater 2,11-21  (die ich ein bisschen ausgeschmückt habe) nicht berichtet, aber ich bin sicher, er hat die Ermahnung angenommen und Paulus Recht gegeben. Und wir danken Gott, dass sie aufgeschrieben wurde, damit wir es für alle Zeiten wissen: Wir werden ohne das Halten des mosaischen Gesetzes aus Glauben allein vor Gott gerecht gesprochen. Und noch nicht einmal Petrus, der auch mal durcheinanderkommen kann, könnte uns das wegnehmen.

Entdeckungen in der Apostelgeschichte: Eine neue Zugehörigkeit

Beim letzten Abendessen mit seinen Jüngern heißt es von Jesus: Da er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende (Johannes 12,2). Und dass die Seinen füreinander auch engste Angehörige sein und Familienliebe haben sollten, das machte er ihnen auch immer wieder klar. Er sandte sie aus in eine wesensfremde Welt – wie Schafe unter Wölfe – aber nicht allein.

Das zeigt sich auch gleich in der jungen Gemeinde in Jerusalem.  Sie hängen förmlich aufeinander. Sie essen zusammen, sie beten zusammen, sie  lernen zusammen. Sie fühlen sich füreinander verantwortlich und teilen alles.

Als Petrus und Johannes nach ihrer ersten Verhaftung entlassen werden, gehen sie  – selbstverständlich – zu den Ihren, um ihnen alles zu erzählen.

Petrus klopftAls  ein anderes Mal der verdutzte Petrus mitten in der Nacht von einem Engel aus dem Gefängnis geführt und hinter dem Stadttor  ohne weitere Anweisungen stehen gelassen wird, ist es klar, dass er zu den Seinen geht, die sich um ihn Sorgen machen und für ihn beten. Dort kann er auch nachts klopfen, und sie werden wissen wollen, wie es ihm geht, ehe er die Stadt verlässt. (Das ist übrigens eine sehr lustige Geschichte.)

Und auch der gefangene Paulus erfährt das. Zwei Jahre sitzt er in Gewahrsam, aber den “Seinen” wird erlaubt, für ihn zu sorgen. Und wie wichtig ist das für ihn, denn die, die in seinem alten Leben die Seinigen waren, wünschen ihm nur den Tod. Dann beruft er sich auf den Kaiser und muss nach Rom. Und auch da ist er nicht allein. Es gibt Brüder, unter anderem wohl Lukas, den Schreiber der Apostelgeschichte, die den Gefangenen freiwillig begleiten – langer Weg und Gefahren hin oder her! Tatsächlich erleiden sie mit ihm Schiffbruch.Und als sie endlich, endlich nach Puteoli kommen, finden sie auch dort Brüder, die sich nicht nur um sie kümmern, sondern auch den Brüdern in Rom Bescheid geben: Paulus kommt!

Paulus und die brüderWas für ein Zeugnis muss das für den römischen Hauptmann gewesen sein! Hatte er bis dahin vielleicht noch gedacht, es ginge um jüdische Verbundenheit, so erlebt er jetzt, wie römische Brüder dem Paulus auf der Via Appia 50 km entgegenlaufen, um ihn zu begrüßen und zu ermutigen. Sie haben ihn noch nie gesehen (aber einen Brief von ihm erhalten) und er ist ein Gefangener, aber das stört sie alles nicht. Er gehört zu ihnen, zu dem neuen einen Volk des Herrn. Er ist ihr Bruder.

Als Paulus sie sah, dankte er Gott und fasste Mut.  (Apostelgeschichte 28,15)

Er war nicht allein.

Das schwierige Hier und Jetzt und der Blick auf das Ziel

Photo by <a href="https://unsplash.com/@yosef_fxum?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Yosef Futsum</a> on <a href="https://unsplash.com/s/photos/goal?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText">Unsplash</a>Ich habe gerade eine Biografie Hudson Taylors gelesen. Was mich am meisten beeindruckt hat – neben dem Glauben dieses Mannes – , war sein großes Durchhaltevermögen trotz all des Widerstandes aus den Reihen seiner Mitgläubigen und der häufigen Machtkämpfe und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Mission. Das alles kann man nur aushalten, wenn man 1. Gott vertraut, dass sich sein Plan trotzdem erfüllt, und 2. einen Blick weit darüber hinaus hat, eine Hoffnung und ein Ziel.

Nun ist mir heute in meiner stillen Zeit das gleiche Motiv wieder begegnet. Ich bin mit meiner Bibellese gerade im Lukasevangelium bei dem letzten Passafest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.

Sie sind die Menschen, die Gott ihm gegeben hat, die er so sehr liebt, in die er Tag und Nacht investiert hat, mit denen er Großes vorhat. Er hat sich von ganzem Herzen danach gesehnt, dieses Passa zum letzten Mal in dieser Welt mit seinen Freunden zu feiern. Er sieht klar, was vor ihm liegt:  die volle Entladung von finsterstem Hass, Verleumdung, falsche Anklage, offener Rechtsbruch, Folter, Tod und Schande. Wenn man jemals Freunde bräuchte, dann jetzt. Er weiß auch, dass einer von ihnen sein Verräter sein wird, aber das weiß er schon länger. Aber nun … fangen diese Freunde, mit denen er gerade versucht hat, über diesen Verrat und seinen Tod zu sprechen, einen Streit an: Wer unter uns ist denn der Wichtigste? Wer ist hier der Chef? Und nachdem Jesus ihnen geduldig und mit Beispiellektion noch einmal erklärt hat, wie sie eigentlich denken und handeln sollten, sagt er ihnen, wo er diese Chaoten in der Zukunft sieht: Auf zwölf Thronen in seinem Reich als Richter über die zwölf Stämme Israels.

Aber im Hier und Jetzt wird Petrus ihn erst mal verleugnen. Diesen Nazarener? Kenn ich nicht. Keine Ahnung, hab ich nichts mit zu tun! Was sagt Jesus ihm? Das wirst du tun, aber du wirst zurückkommen zu mir und deinen Brüdern eine große Hilfe sein.

Dann hat Jesus noch einen großen Kampf auszufechten. Er muss sich gegen seine Angst ganz dem Willen des Vaters übergeben, und auch wenn er das nur allein tun kann, so wäre es doch schön, wenn seine Freunde mit ihm wachen würden. Aber sie sind einfach nur schwache Menschen, sie schaffen es nicht. Die Depression umfängt ihre Seele, und sie flüchten vor der harten und unausweichlichen Realität in den Schlaf, statt sich ihr zu stellen. Sie verstehen nicht, wie man geistlich kämpft, sie verstehen sich nur auf fleischliches Kämpfen, und den Schaden, den Petrus mit seiner “Hilfe” anrichtet, muss Jesus dann auch noch reparieren.

Und ach! ich erkenne mich so sehr selbst in ihnen, und ich erkenne meine Brüder und Schwestern. Wir neigen ja dazu, wenn Leute uns auf die Nerven gehen, ihre Echtheit anzuzweifeln und von “sogenannten Gläubigen” zu sprechen (nur wir sind immer echte Gläubige). Jesus tut das nicht (Judas ist eine Ausnahme). Nein, er verordnet ihnen ein Reich, er betet für den schwachen Petrus, er macht aus Petrus’ blödsinniger Verteidigungsaktion ein Heilungswunder, und er geht seinen Weg geradeaus und allein und liebt sie trotzdem. Er sieht durch alle Offensichtlichkeiten hindurch: Von nun an wird der Sohn des Menschen sitzen  zur Rechten der Macht Gottes (Lukas 22,69).

In Hebräer 12,1-3 wird uns das Geheimnis des Durchhaltens so beschrieben:

… lasst uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt,  indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete, und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.  Achtet doch auf ihn, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und den Mut verliert!

Risiken und Nebenwirkungen

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Wir haben das Leben gern glatt und freundlich, die Pläne gelingend, die Beziehungen harmonisch, den Weg ohne Stolpersteine. Oft denken wir, dass sei ein Zeichen für den Segen Gottes. Aber der Alltag mit Gott ist manchmal ungemütlich, herausfordernd und verwirrend. Es gibt unangenehme Überraschungen. Manchmal sind wir sehr allein. Manchmal bringt es uns Vorwürfe und Unverständnis ein. Menschen fühlen sich verletzt, ohne dass wir das ändern könnten.

Ein paar kleine Beispiele aus den Evangelien, die mir in den letzten Tagen untergekommen sind:

Zebedäus ist mit seinen Söhnen Johannes und Jakobus und einigen Tagelöhnern dabei, die Fischernetze ihres kleinen Familienbetriebs zu reparieren, als Jesus vorbeikommt und die beiden ruft: “Kommt, folgt mir nach!” Gucken sie Zebedäus noch mal an und er nickt und sagt: “Geht nur, Jungs!”, oder starrt er ihnen mit offenem Mund hinterher und schreit dann: “He! Wir haben alle Hände voll zu tun, ihr könnt jetzt hier nicht einfach abhauen! Ich kann nicht noch mehr Leute einstellen!” ? Wir hören von dem Vater weiter nichts mehr. Seine Frau hat sich jedenfalls auch Jesus angeschlossen.

Oder stell dir mal vor, du bist von Jesus so begeistert, dass du ihm dein Haus zur Verfügung stellst, um zu predigen und zu heilen. Und es wird voll und voller. Vor der Tür stapeln sich die Leute. Hoffentlich muss jetzt keiner aufs Klo … Auf einmal hörst du über dir was klopfen und scharren. Sand, Mörtel, Asche, Steine und Grasbrocken rieseln in die vielen Gesichter, die sich fragend nach oben wenden. “Was machen die da?”, fragst du dich entsetzt, während das Loch in deiner Decke sich Stück für Stück vergrößert, bis vier rotgeschwitzte Gesichter dadurch nach unten schauen. Jetzt haben sie Jesus erspäht, und jetzt wird auch klar, was sie vorhaben: An Seilen lassen sie den fünften Mann auf einer Matte hinunter, genau vor Jesu Füße. Und ja, es wird wunderbar und du erlebst die Kraft Gottes zu  vergeben und zu heilen, und zusammen mit der ganzen Volksmenge in deinem Haus bist du hin und weg und beeindruckt und glückselig. Komischerweise machen sie dem Geheilten dann Platz, als Jesus ihn heimschickt. Und da kommst du wieder zu dir und guckst leicht verzweifelt nach oben und denkst: “Hätten sie ihm nicht auch auf dem Hinweg Platz machen können? Dann wäre mir das erspart geblieben.” Ich frage mich immer, ob das vielleicht das Haus von Petrus war, und er daran denkt, wenn er schreibt: “Seid gastfrei ohne Murren!”

Aber wenn wir bei Petrus und seiner Frau sind: Die hatte öfter die Bude voll, und sicher hing auch ihr Herz an Jesus, spätestens seit er ihre Mutter geheilt hat. Aber ob sie und die Frauen der anderen Jünger immer begeistert waren, dass sie so viel allein waren? Dass die Papas sogar das Passafest nicht mit der Familie feierten, sondern mit Jesus? Ganz zu schweigen von den Ängsten, die sie um ihre Männer ausgestanden haben müssen als die Feindseligkeit gegen Jesus sich zusammenbraute. Und nach Pfingsten wurde es noch schlimmer.

Das Leben als Christ ist wunderbar, aber es hat ganz alltägliche Risiken und Nebenwirkungen, und wir sollten uns nicht darüber wundern, wenn wir auch solche Geschichten erleben. Sie bedeuten nicht, dass irgendwas verkehrt läuft.

Aus dem Tagebuch von Petrus (3)

Eine Nacherzählung

Teil 1 und Teil 2

4. Eintrag

Heute ist Donnerstag. Wir haben Passah gefeiert, nur wir zwölf aus dem engsten Kreis und Jesus. Beim Essen fängt Jesus auf einmal an zu sagen: „Einer von euch wird mich ausliefern.“ Uns sank allen das Herz in die Hose. Einer von uns? Jeder von uns fragte: „Ich doch nicht? Wer könnte so etwas tun?“ Aber Jesus sagte nur: „Einer von euch Zwölfen, die hier mit mir essen. Zwar muss das alles mit mir passieren, was passieren wird, aber wehe demjenigen, der das tut. Besser wäre er nie geboren.“

Beim Essen sagte er dann: „Jetzt wird sich das erfüllen, was in der Heiligen Schrift vorhergesagt wurde: Der Hirte wird geschlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen. Heute Nacht werdet ihr alle nicht zu mir halten. Aber wenn ich wieder auferweckt worden bin, werde ich euch in Galiläa treffen.“ Und dann wandte er sich zu mir und sagte: „Der Teufel wird euch alle durchschütteln wie das Korn auf der Tenne. Aber ich habe schon für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört. Und wenn du wieder zu mir zurückkommst, dann sollst du deine Brüder stärken.“ Also wirklich! dachte ich. Was denkt er denn von mir? Bin ich ihm nicht ein treuer Freund gewesen? Hab ich nicht alles für ihn aufgegeben? Bin ich etwa ein Deserteur, der abhaut, wenn´s brenzlig wird? Ich würde ihn verteidigen bis aufs Blut! „Wenn keiner mehr zu dir hält“, sagte ich ihm, „auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin bereit ins Gefängnis zu gehen oder zu sterben, aber dich verlassen – das kommt nicht infrage!“ Die anderen sagten auch Ähnliches, aber mich schaute Jesus ruhig an und sagte: „Ehe der Hahn zweimal gekräht hat, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Rede du nur, dachte ich, ich werd´s dir beweisen.

Dann sagte Jesus, er wolle beten und nahm uns mit nach Gethsemane, das ist so ein Garten, wo wir öfters sind und manchmal sogar übernachten. Die anderen sollten sich hinsetzen, und Jakobus und Johannes und ich sollten mit ihm kommen. „Wartet hier auf mich, wenn ich bete. Passt auf!“, sagte er. Er war extrem ängstlich und beunruhigt und ging ein wenig weiter und warf sich auf die Erde, um zu beten. Und dann sind wir drei einfach eingeschlafen. All diese düsteren Reden, die Verwirrung, seine Angst – wir waren von all dem so fertig, wir konnten einfach nicht mehr. Nach so etwa einer Stunde hat er mich dann geweckt; das war mir ganz schön peinlich. „Schläfst du?“, fragte er. „Hast du es keine Stunde ausgehalten, mit mir zu wachen? Ihr solltet lieber wachen und beten, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Und dann ging er wieder beten, und wir schliefen wieder ein, und so ging das dreimal. Schließlich sagte er: „Dann schlaft mal weiter! Kommt, wir müssen gehen. Es ist soweit – ich werde jetzt ausgeliefert.“

Und dann kam Judas mit den Schergen des Hohepriesters, alle bewaffnet bis an die Zähne, und Judas – also ER war es! – kam auf ihn zu und küsste ihn. In dem Moment haben wir verstanden, was die Stunde geschlagen hatte, und ich dachte: „Jetzt gilt´s!“ und nahm das Schwert, mit dem ich mich vorsichtshalber bewaffnet hatte, und schlug dem einen das Ohr ab. „Es reicht“, sagte Jesus da, und berührte sein Ohr und heilte es! Da wusste ich nicht mehr, was ich da noch sollte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er gar nicht wollte, dass wir ihn verteidigen. Einfach nur zugucken, wie er verhaftet wird? Kein Widerstand? Uns einfach mitverhaften lassen wie die Lämmer, die man zum Schlachten führt? Wir nahmen alle die Beine in die Hand und suchten das Weite.

Und ließen ihn allein.

Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so verwirrt. Ich musste mich orientieren, wissen, wie das weitergeht. Das Herz blutete mir. Er ist nicht nur mein Messias, er ist ja auch mein Freund. Ich hänge an ihm. Ich habe Johannes gefragt; der hat irgendwie Vitamin B, und so durfte ich in den Hof des Hohenpriesters, denn ich wollte beobachten, was jetzt passiert. Ich fror wie verrückt. Es war kalt, aber ich fror auch von innen heraus, und ich wollte nicht allein sein, aber auch nicht auffallen, und so setzte ich mich zu den Dienern ans Feuer. Wir alle beobachteten gebannt, was sich da abspielte. Er stand da, und sie schleppten lauter Zeugen gegen ihn an, die sie wahrscheinlich gekauft hatten, aber sie hatten sie nicht gut vorbereitet, und so widersprachen sie sich gegenseitig. Jesus sagte gar nichts dazu. Schließlich fragte ihn der Hohepriester: „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ Und Jesus antwortete: „Der bin ich! und ihr werdet den Menschensohn an der rechten Seite des Allmächtigen sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Jetzt! dachte ich, jetzt muss doch der Himmel seine Engel schicken und ihn da rausholen! Aber nichts dergleichen geschah, sondern alle schrien: „Man muss ihn töten!“ und begannen ihn anzuspucken und mit den Fäusten ins Gesicht zu schlagen.

Ich war völlig zerstört. Wer war dieser Mann? Hatte ich mich getäuscht? Hatte ich ihn nicht leuchten gesehen auf jenem Berg? Hatte ich nicht Gottes Stimme gehört? Wo war Gott jetzt?

Da kam eine von den Frauen, die für den Hohepriester arbeiteten, und sah mich scharf an. „Du gehörst doch auch zu dem Nazarener Jesus!“ Ich konnte nur mit Mühe mein Zittern beherrschen. „Nein, sagte ich, „ich doch nicht. Ich habe keine Ahnung von was du redest.“ Ich ging vorsichtshalber in den Vorhof. Aber dort war ein anderes Mädchen – hatten die sich abgesprochen? –, und sie sagte zu denen, die da herumstanden: „Der gehört auch zu diesem Jesus!“ „Nein, verdammt!“, erwiderte ich, „ich kenne den noch nicht einmal!“ dusan-smetana-Fxg394rc6JQ-unsplashDa fingen die anderen auch an: „Klar gehörst du dazu! Dein Akzent verrät dich!“ „Verflucht noch mal, nein! Ich schwör´s!“ Da krähte der Hahn zum zweiten Mal. Und Jesus drehte sich um und schaute mich an. Mit einem Blick voller Schmerz und voller Liebe, mit einem „Ich habe für dich gebetet“-Blick. Ich verließ den Hof und weinte und weinte und weinte. Ich hatte versagt. Ich hatte ihn verletzt. Ich war so ein selbstsicheres Großmaul gewesen, aber er kannte mich. Er hatte mir schon im Voraus vergeben. So viel Liebe!

Und jetzt würden sie ihn umbringen, und ich war allein, so allein wie noch nie. Der Hirte war geschlagen und die Schafe zerstreut, wie er gesagt hatte.