Schlagwort-Archive: sola fide

Als Petrus seine Geschwister verleugnete

Download-1 Was für eine große Freude war das für die Christen in Antiochien, dass Petrus sie besuchte! Sie hatten so viel von ihm gehört … gehörte er doch zu denen, die von Anfang an bei Jesus gewesen waren, ein echter Augenzeuge. Und jetzt war er ein Leiter der Jerusalemer Gemeinde, von der sie ja irgendwie alle “abstammten”. Wie mutig er vor den Obersten gepredigt hatte, dass er sich mit Freuden hatte schlagen und ins Gefängnis werfen lassen für den Namen Jesu, dass der Engel ihn wunderbar herausgerettet hatte – all diese Geschichten hatten sie gehört. Und sie wussten auch, dass Paulus ihn und die anderen Leiter in Jerusalem besucht hatte, nachdem es ziemliche Unruhe gegeben hatte, ob sie, die ja keine Juden waren, nun beschnitten werden und sich an das mosaische Gesetz halten müssten.

Dann kamen Paulus und Barnabas in Begleitung einiger ausgewählter Männer mit einem Brief aus Jerusalem zurück, unterschrieben von den  Aposteln und Ältesten. Was darin stand, hatte sie sehr erleichtert. Nämlich, dass sie alle unisono zu dem Schluss gekommen waren, dass sie, die Christen aus den Heidenvölkern, das Gesetz nicht halten mussten. Also keine Beschneidung, keine Gelübde, keine Tempelbesuche, keine Opfer, keine Sabbatfeiern und jüdischen Feste, und ihr Schweinefleisch konnten sie auch gerne weiter essen! Sie brauchten nichts außer Jesus, der ihnen ein neues Leben aus dem Heiligen Geist geschenkt hatte, als sie an ihn geglaubt hatten! Ihr Leben musste nicht kompliziert werden, um Gott zu gefallen. Nur von den Götzenopfern, von Blut und Ersticktem und von der Unzucht sollten sie sich enthalten.

Sie waren jetzt – nicht auf der Basis von Abstammung und Gesetz, sondern in Jesus – eins mit der Jerusalemer Gemeinde und allen Geliebten Gottes. Sie gehörten jetzt zu seinem Volk.

Deswegen war es so eine große Freude, dass Petrus sie persönlich besuchte und ihnen dies und das von seinen Erfahrungen mit Jesus erzählen konnte. Er konnte auch aus erster Hand berichten, wie alles angefangen hatte an Pfingsten, wie sie alle Güter geteilt hatten, dass viele in Jerusalem aufgrund der Verfolgung jetzt verarmt waren, dass sie das alles aber mit Freuden auf sich nahmen um Jesu willen. Wie gerne wollten sie da helfen und die Geschwister materiell unterstützen, weil sie spürten, dass die Liebe Jesu sie mit ihren jüdischen Brüdern und Schwestern verband!

So saßen sie jeden Abend mit Petrus und den anderen Brüdern zusammen, redeten, aßen zusammen, beteten und hatten wunderbare Gemeinschaft, bis …

… eines Tages jemand hereinkam und  Petrus was ins Ohr flüsterte: “Die Jakobus-Fans aus Jerusalem sind im Anmarsch.” Jakobus konnte nichts für seinen Fan-Club, aber weil er sich weiter an das Gesetz hielt, hatten sie sich ihn zum Vorbild genommen. Und diese Leute hatten so ihre Befürchtungen, dass da in Antiochia etwas ganz schön aus dem Ruder lief, dass diese gesetzlosen Heiden ein schlechter Einfluss waren auf ihre jüdischen Brüder. Sie waren gekommen, damit alles wieder seine Ordnung bekam und das Gesetz seinen Platz behielt. Rechtfertigung aus Glauben war ja gut und schön, aber das konnte höchstens der Anfang sein. Danach musste auch für die Heiden das Gesetz zum Standard werden.

Petrus wurde panisch. Wenn die ihn hier an diesem Tisch erwischten, dann war sein guter Ruf für alle Zeiten dahin. “Die sollten uns lieber nicht hier antreffen”, sagte er zu seinen Begleitern. “Dann sind wir ruiniert. Dann gehen über uns dieselben Gerüchte um wie über Paulus.” Von Paulus wurde nämlich überall herumerzählt, er mache die Juden vom Gesetz abtrünnig und agitiere gegen  jüdische Sitten und Gebräuche wie die Beschneidung.  Und wenn diese Leute ihn nun hier sähen, wie er mit Heiden an einem Tisch sitzt und isst … 

Das darf nicht passieren, beschließt er. Er steht auf und geht. Seine Begleiter  schließen sich ihm an. Auch Barnabas, der die Geschwister in Antiochia bis jetzt immer nur ermutigt hat, bei der Gnade Gottes zu bleiben, der sie mit Paulus gegen die Judaisten verteidigt hat, ist auf einmal verunsichert und verlässt die Tischgemeinschaft.

Nun sitzen die “Heiden” allein am Tisch. Verwirrt schauen sie sich an. Was bedeutet das jetzt? War doch alles ein Irrtum? Doch nicht ein Volk Gottes? Reicht die Gnade doch nicht? Haben sie den Brief aus Jerusalem, haben sie Petrus falsch verstanden? Bleibt da doch für immer ein Zaun zwischen ihnen? Hat Petrus einen Fehler gemacht, sie einfach so als Brüder anzunehmen, und das gerade eben gemerkt? War das mit der brüderlichen Liebe nur eine schöne Illusion?

Und Paulus? Er steht jetzt auf und stellt sich Petrus in den Weg. Seine Stimme ist traurig, aber laut und klar. “Petrus”, sagt er, “was soll diese Heuchelei? Was du tust, ist falsch. Du selbst lebst nicht wie ein Jude, und jetzt willst du deine heidenchristlichen Geschwister zwingen, jüdisch zu leben? Wir wissen doch, dass wir alle, ob Juden oder andere Völker, durch das Gesetz nicht für gerecht erklärt werden können. Nur durch den Glauben an Christus ist das möglich. Wenn du den Zaun schon abgebrochen hast und jetzt wieder aufrichtest, dann sagst du damit, dass du es vorher falsch gemacht hast. Oder willst du sagen, Christus hat es falsch gemacht, dass er uns alle aus Gnade gerettet hat? Ich möchte die Gnade Gottes nicht für ungültig erklären. Wenn das Gesetz uns gerecht machen könnte, dann wäre Christus umsonst gestorben.”

Mit diesen Worten rückte Paulus wieder zurecht, was sich verschoben hatte. Großes Aufatmen! Wie Petrus reagiert hat, wird uns in dieser Geschichte in Galater 2,11-21  (die ich ein bisschen ausgeschmückt habe) nicht berichtet, aber ich bin sicher, er hat die Ermahnung angenommen und Paulus Recht gegeben. Und wir danken Gott, dass sie aufgeschrieben wurde, damit wir es für alle Zeiten wissen: Wir werden ohne das Halten des mosaischen Gesetzes aus Glauben allein vor Gott gerecht gesprochen. Und noch nicht einmal Petrus, der auch mal durcheinanderkommen kann, könnte uns das wegnehmen.

Predigt-Nachlese: Glauben oder Werke?

Text: Galater 2, Römer 3, 19-31

Der Brief von Paulus an die Galater ist “schwer verdaulich.” Der Apostel ist so ganz und gar nicht begeistert von dem, was sich da unter ihnen ausgebreitet hat, dass ihm die sonst üblichen freundlichen Worte fehlen. Er kann sie nicht loben. Er sieht, wie sie den Rückwärtsgang einlegen: Das, was sein altes Leben bestimmt hat, bevor er Christus begegnete, das wollen sie jetzt wieder einführen!

Die Frage, die sie falsch beantwortet hatten, ist diese: Wenn wir vor Gott dem Richter stehen – was bewirkt unseren Freispruch? Er hatte ihnen die richtige Antwort  verkündigt, und jetzt ist sie ihnen nicht mehr genug. Sie wollen das Gesetz wieder einführen. Schließlich muss der Mensch doch auch was beitragen, um vor Gott gut dazustehen, oder?

Ein völlig hoffnungsloser Ansatz, meint Paulus. Haben wir das nicht schon erfolglos ausprobiert? Wir wissen, dass kein Mensch vor Gott bestehen kann, wenn er versucht das Gesetz zu halten. Bestehen kann er nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben wir ja Christus vertraut, um durch den Glauben an ihn bei Gott angenommen zu werden – und nicht durch Erfüllung des Gesetzes. Kein Mensch kann durch Gesetzeserfüllung die Gerechtigkeit erreichen, die vor Gott gilt.

Als im 15. und 16. Jahrhundert diese lang verschüttete Wahrheit wieder entdeckt und am durchdringendsten durch Martin Luther proklamiert wurde, haben viele sie mit ihrem Blut besiegelt – denken wir an John Wyclif, Johannes Hus, die Hugenotten und viele andere.  Der Teufel kann diese Wahrheit nicht leiden! Wer sie über Bord wirft, spuckt auf das Opfer dieser Menschen.

Hat nun das Gesetz gar keinen Sinn und keine Funktion? Für was ist es denn dann überhaupt gegeben worden?

Das Gesetz führt dazu, dass man seine Sünde erkennt, sagt Paulus in Römer 3,20. Es stopft uns unser “Ich bin ein guter Mensch und besser als die andern”-Großmaul. Es überführt uns davon, dass wir verloren sind und einen Retter brauchen. Wir erkennen, wie dunkel unsere Nacht ist – umso heller scheint uns Jesus und sein Evangelium der Gnade.

Nicht dass wir durch unsere Schuld vor Gott zum Tod verurteilt sind, ist unser Problem – denn dafür starb Jesus an unserer Stelle –, sondern dass wir meinen, gut genug zu sein und keinen Retter zu brauchen, es selber zu schaffen, stolz auf uns sein zu können. Um uns da zu desillusionieren, hält uns das Gesetz Gottes einen heilsamen Spiegel vor. Kann man da noch selbst auf etwas stolz sein? fragt der Apostel. Das ist ausgeschlossen. Wir sind völlig auf die Gnade geworfen, die Gott uns durch Jesus anbietet. Wir können nichts tun. Wir sind wurzeltief schlecht.

Aber halt! Steht nicht im Jakobusbrief: Der Glaube ohne Werke ist tot?  Durchaus, aber man muss diese Aussage im Zusammenhang lesen. Wenn wir echten Glauben haben, wird sich das in unserem Leben auswirken. Die Bibel hat ein Wort dafür: Frucht. Wer sich mit seiner ganzen Existenz auf Jesus als seinen Retter verlässt, dessen Leben verändert sich. Wie eine Rebe am Weinstock nichts “tut” als eben eine Rebe zu sein, nämlich verbunden mit dem Stamm und aus der Kraft dieses Stammes lebend, so kommt die Kraft des Christen aus Jesus und sein Leben bringt immer mehr hervor, was Gott gefällt (vgl. Johannes 15). Nicht, indem wir versuchen, gut und besser zu werden, kommen wir dahin, sondern indem wir die Nähe Jesu suchen, uns auf ihn verlassen, auf ihn hören.

Euer Leben wird dann als Frucht alle Art von guten Werken hervorbringen, und ihr werdet Gott immer besser verstehen. (Kolosser 1,10)