Jedes einzelne Wort in der Bibel ist wertvoll. Und doch hat wahrscheinlich jeder Bibelleser Verse, die ihm besonders viel bedeuten, z.B. weil sie ihn in einer großen Not getröstet haben oder weil sie ihm in besonderer Weise das Herz und die Absichten Gottes zeigen. Diese Gewichtung ändert sich auch schon mal je nach aktueller Lebenssituation.
Ein Vers, der mein Herz jedes Mal höher schlagen lässt, steht in Apostelgeschichte 20,28:
So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat!
Paulus spricht da mit den Gemeindeleitern von Ephesus und ermahnt sie, für die Gemeinde gut zu sorgen. Insofern bin ich nicht wirklich der Ansprechpartner für diesen Vers, weil das nicht meine Aufgabe ist. Aber ich liebe die Aussage, die hier über Gottes Beziehung zu seiner Gemeinde gemacht wird: Er hat sie durch sein eigenes Blut erworben.
Das zeigt, welch ein großer Schatz die Gemeinde (die weltweite Gemeinde genauso wie die Ortsgemeinde und jeder einzelne, der zu Jesus gehört) in seinen Augen ist. Sie war ihm das Kreuz wert. Er hat sie vor aller Zeit geliebt, ihre Erlösung geplant und sie dann, als die Zeit reif war, durch sein eigenes Blut erworben. Sie gehört ihm, und sie ist ihm das Kostbarste im Himmel und auf Erden. Die Ältesten dürfen sie hüten und pflegen, aber der Eigentümer ist Gott, und bis er sie zu sich holt, hat er sozusagen ein Etikett draufgeklebt: Handle with care!
Was mein Herr so wertschätzt, will ich auch wertschätzen. Was ihm so einen hohen Preis gekostet hat, will ich nicht leichtfertig beschädigen. Respekt für Gott und Respekt für das Kreuz ist vom Respekt für die Gemeinde untrennbar. An meinem Platz und in meiner kleinen Aufgaben-Ecke will ich alles dafür tun und vor allem dafür beten, dass es der Gemeinde gut geht, dass sie für ihren Herrn lebt und ihm gefällt, dass er Freude an ihr haben kann. Das wird auch was kosten. Wir alle sind es ihm schuldig, heißt es in 1. Johannes 3,16, für die Brüder das Leben hinzugeben.
Der Vers ist eine große Hilfe, wenn das “Menscheln” in der Gemeinde uns frustriert und Dinge nicht so laufen, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Er führt uns immer wieder zurück zur göttlichen Perspektive: Die Gemeinde hat das Kreuz gekostet, sie gehört IHM, nicht uns. Welch eine Ehre, dazugehören zu dürfen!
Am Sonntag hörten wir eine Predigt über Zacharias und Elisabeth, die Eltern Johannes der Täufers (Lukas 1). Sie hatten viele Jahre um einen Sohn gebetet, und nun waren sie alt geworden. Während Zacharias, der Priester war, seinen Dienst im Tempel tat, wird ihm dann die Geburt seines Sohnes Johannes angekündigt.
Während meine Gedanken sich mit der Frage beschäftigten, wie alt Zacharias gewesen sein mag, schoss es mir plötzlich durch den Kopf: Es war vielleicht eine Gnade, dass Gott sie so alt werden ließ, ehe er ihnen den ersehnten Sohn gab – denn wer möchte den Kopf seines Sohnes auf dem Silbertablett einer hasserfüllten, intriganten, gottlosen Frau sehen? Vielleicht ist ihnen das erspart geblieben, weil sie da schon nicht mehr lebten?
Dann dachte ich weiter nach über diese Eltern. Zacharias wird durch den Engel gesagt:
Gott hat dein Gebet erhört. Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn schenken, und den sollst du Johannes nennen. Du wirst überglücklich sein, und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen, denn vor Gott wird er ein Großer sein. Er wird keinen Wein und auch keine anderen berauschenden Getränke anrühren und von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, zurückführen. Im Geist und in der Kraft des Propheten Elija wird er dem Herrn als Bote vorausgehen. Er wird die Herzen der Väter zu ihren Kindern umkehren lassen und Ungehorsame zur Gesinnung von Gerechten zurückführen, um so das Volk für das Kommen des Herrn bereit zu machen. Lukas 1,13-17
Die Geburt dieses Kindes hätte nicht jeden überglücklich gemacht. Viele Eltern träumen von ganz anderen Dingen: Dass es ihrem Kind gut geht, dass es Karriere in dieser Welt macht und ein gutes Auskommen hat, dass es gesund bleibt, einen liebevollen Partner findet und aus den Eltern geliebte Großeltern macht. Aber Zacharias und Elisabeth waren glücklich, weil die Geburt ihres Kindes bedeutete, dass der Messias auf dem Weg war. Wie sehr muss man Gott lieben, damit man sich darüber freuen kann, dass der Sohn ein Prediger in der Wüste wird, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt und (vermutlich) weder Frau noch Kind hat und schließlich umgebracht wird, weil er die Wahrheit gesagt hat? Wenn wir an unsere Kinder denken, wünschen wir ihnen ein bequemes Leben in Wohlstand und irdischem Glück, oder ist es unsere größte Freude, wenn sie Gott dienen und Christus verherrlichen – egal, was es kostet?
So wie Schafe die Wölfe anziehen, so wittern falsche Lehrer unbefestigte Gläubige und versuchen sie unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu suggerieren sie uns, dass sie uns mehr bieten können, als wir durch Jesus bekommen haben, wenn wir unserem Glauben noch dieses und jenes hinzufügen. Es ist immer ihre Taktik, Jesus als Erlöser in den Hintergrund zu rücken und zusätzliche Regeln, Erkenntnisse oder Erfahrungen zu verkaufen. Paulus will uns vor diesen Fallen schützen und erklärt in Kolosser 2, 11-23 den Unterschied zwischen dem göttlichen Original und der Fälschung.
Das göttliche Original
Die Fälschung
Die Grundlage ist das Kreuz Jesu. Dort hat er durch seinen Tod den Frieden zwischen uns und Gott hergestellt, unsere Schuld gelöscht, und den Teufel, unseren Feind, Sklavenhalter und Ankläger, entwaffnet.
Die Grundlage ist religiöse Bemühung, der Versuch, Gott näher zu kommen durch das Befolgen von Regeln und Ritualen, durch Askese und besondere spirituelle Erlebnisse.
Der “Macher” ist Gott in Christus. Durch den Tod Jesu ist unsere Sünde “erledigt”. Wir sind befreit von der Sklaverei der Sünde und müssen ihr nicht mehr gehorchen. Durch Jesu Auferstehung und durch den Heiligen Geist, der in uns lebt, sind wir wiedergeboren worden, haben ein neues Herz und eine neue Gesinnung bekommen, so dass wir Gott dienen wollen und können. Nichts von all dem ist auf unserem Mist gewachsen.
Der Macher ist der Mensch, der sich durch Halten von Vorschriften, Enthaltsamkeit und übernatürliche Erfahrungen zu Gott “hochzuhangeln” versucht.
Die Auswirkung ist ein heiliges Leben, ein wachsendes Verlangen Jesus ähnlicher zu werden, ein Hunger nach Gottes Wort und der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, ein Leben im Gehorsam, Ablegen der Sünde, Orientierung auf die Ewigkeit, Dankbarkeit und freudiger Dienst für Gott und andere.
Die Auswirkung ist Stolz auf die eigene “Geistlichkeit” und ein aufgeblähtes religiöses Ego, das sich als demütig verkleidet, das sich aber weder Gott unterordnen noch in seine Gemeinde einfügen kann.
sagt Paulus in Galater 2,19. Und einige Kapitel später noch einmal (6,14):
Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.
Für mich war es lange ein Rätsel, was das bedeutet. Die Auslegungen, die ich dazu las, klangen für mich nach einer mystischen Erfahrung, sozusagen für Fortgeschrittene in der Heiligung, die es “schaffen”, in einer gewaltigen Anstrengung von Selbstverleugnung “ihr Fleisch zu kreuzigen”.
Ich glaube, das Problem war der Begriff “Kreuz”, der so sehr zur Metapher geworden ist, dass die Realität dahinter bisweilen verloren geht oder schwer zu fassen ist. Darum war es wie eine Erleuchtung für mich, als ich eines Tages für mich die Worte einsetzte, mit denen man diese Realität des Kreuzes ausdrücken kann.
Ich bin mit Christus hingerichtet … durch die Hinrichtung von Jesus ist die Welt für mich zum Tod verurteilt, und ich bin in den Augen der Welt zum Tod verurteilt.
Nimm täglich dein Kreuz auf? Nimm täglich dein Todesurteil an!
Auf einmal war alles einfach. Nicht von mystischen Erfahrungen und höheren Stufen ist die Rede, sondern von historischen Fakten. Als Christus am Kreuz hingerichtet wurde, war das die Vollstreckung meines Todesurteils. Ich war der Delinquent, Jesus war mein Stellvertreter. Aber nicht nur über mich, sondern über diese ganze verdorbene, gottlose, in Auflehnung befindliche Welt wurde da das Urteil gesprochen.
Das hat Konsequenzen. Wenn ich behaupte, dass ich dieses Todesurteil, diese Hinrichtung für mich annehme, dann kann ich die Dinge, über die das Urteil gesprochen wurde, nicht weiter tun. Dann kann ich mich nicht weiter dieser Welt zugehörig fühlen und bei ihren Bemühungen, autonom zu sein und sich selbst zu rechtfertigen, mitmachen. Dann muss ich akzeptieren, dass sie mich ausstößt als nicht zu ihr gehörig. Alles andere wäre ein schlechtes Zeichen.
So lasst uns nun zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen! (Hebräer 13,13)
Unser “alter Mensch” hat sein Todesurteil an diesem Kreuz empfangen. Wir sind freigesprochen, aber wir können auch nicht dahinter zurückgehen und diesem alten Menschen wieder zu leben erlauben. Tot ist tot (Römer 6)! Nachdem wir an Jesus geglaubt haben, ist die Taufe das öffentliche Zeichen unserer Zustimmung zu diesem Mitgestorben-Sein.
Nun war der Tod für Jesus nicht das Ende, und es wäre auch für uns zu wenig, wenn wir nur aufhören würden zu sündigen. Aber Jesus ist auferstanden, und so wie er uns an seinem Tod Anteil gibt, so auch an seinem Leben. Es geht nicht um eine Anstrengung, nun “besser zu werden”, sondern darum, uns seinem Leben von Gehorsam und Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen. Der Tod ist schon geschehen, aber ich muss täglich in dieses Todesurteil einwilligen. Das Leben ist schon da und vibriert und blubbert, aber ich muss mich ihm täglich zur Verfügung stellen. Und all das gilt für Anfänger und Fortgeschrittene und ist keine geistliche Geheimwissenschaft, aber wir verstehen es immer besser und glauben es immer tiefer und wachsen darin – aber niemals darüber hinaus.
“Es ist doch schön, mal wieder Schmetterlinge im Bauch zu haben,” sagte meine Kollegin, die gerade zum zweiten Mal geheiratet hatte. “Und wenn es sich irgendwann nicht mehr so gut und rund anfühlt, dann weiß ich, dass es vorbei ist.” Wie man sich fast denken kann, hat das nicht lange gedauert …
Wie ganz anders ist die Liebe Jesu! Im Johannesevangelium heißt es (13,1):
Vor dem Passahfest aber, da Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater zu gehen: Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.
Es lässt sich auch so übersetzen: Er liebte sie bis zum Äußersten. Seine Liebe bestand den endgültigen Härtetest: den freiwilligen Tod am Kreuz für ihre Erlösung. Sie wackelte und wankte nicht – auch wenn Jesus als Mensch tief erschüttert war. Einer aus dem engsten Kreis war schon auf dem Sprung, ihn zu verraten. Zudem wusste er, dass Petrus trotz seiner großen Klappe und seinem eigentlich loyalen Herzen in Kürze aus Angst und Verwirrung behaupten würde, ihn nie gekannt zu haben. Seine Jünger verstanden seinen Weg noch immer nicht, obwohl er es ihnen wieder und wieder erklärt hatte, dass er erst mal durch Leiden und Hinrichtung gehen würde. Es ging einfach nicht in ihren Kopf, hatten ihm die Massen doch gerade erst zugejubelt. Und genauso wenig verstanden sie, was er versucht hatte ihnen einzuhämmern: dass im Reich Gottes Erniedrigung groß ist und Verlust Gewinn und das Glück im Lieben und Geben besteht und nicht in Ehre und Karriere.
Und so demonstriert er es ihnen noch einmal. Sie wollen bald zusammen essen, aber hier ist kein Sklave, der ihnen vorher den Straßenstaub von den Füßen waschen könnte. Da bindet sich Jesus die Schürze um, schnappt sich ein Handtuch und füllt Wasser in die Waschschüssel. Er weiß, wer er ist: Er ist der Herr. Gott hat alles in seine Hände gegeben. Er ist auch der Meister seiner Jünger. Aber er besteht nicht auf seiner Position, sondern verhält sich wie ein Diener. Den Jüngern hat es die Sprache verschlagen; allen außer Petrus – der findet noch Kraft zum Protest: “Auf keinen Fall sollst du mir die Füße waschen!” Jesus erklärt ihm ruhig, dass das unumgänglich ist, weil er sonst keine Gemeinschaft mit ihm haben kann. Daraufhin möchte Petrus am liebsten gleich ganz gebadet werden, denn Gemeinschaft mit Jesus ist alles, was er will! Worauf Jesus ihm antwortet: “Wer gebadet ist, hat es nicht nötig, gewaschen zu werden, ausgenommen die Füße, sondern er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.” (Das bezog sich auf Judas.)
Diese Fußwaschung ist dreierlei: Zum ersten ein ganz realer Dienst, den Jesus an den Jüngern übt – die Arbeit eines Niedrigen, damit die Höhergestellten sich wohlfühlen.. Zum zweiten ein Symbol für die Reinigung, die wir alle immer wieder von Jesus brauchen, wenn wir uns durch Sünde beschmutzt haben. (Diese Reinigung hat ihn noch in ganz anderem Ausmaß Erniedrigung und Selbstentäußerung bis zum Tod gekostet.) Und drittens ein Lehr- und Anschauungsstück für uns, wie wir uns gegenseitig dienen und nicht beherrschen sollen, und zwar im natürlichen wie im geistlichen Bereich.
Jesu Liebe ist Dienst und Opfer, aber auch Seelsorge. Er ist ständig bemüht, seine Jünger vorzubereiten auf die schwierige Zeit, die vor ihnen liegt. Sie werden mit vielem fertig werden müssen: Dass einer von ihnen sich als Verräter entpuppen wird. Dass er selbst, auf den sie sich abgestützt haben, auf den sie all ihre Hoffnung gesetzt haben, der sie versorgt hat, ihnen entzogen sein wird. Sie werden sich so orientierungslos fühlen wie Schafe, deren Hirte erschlagen wurde. Sie werden konfrontiert sein mit ihrer eigenen Schwäche, ihrer Angst, ihrem Versagen (ganz besonders Petrus). Schon wenn er ihnen diese Dinge jetzt vorhersagt, sind sie völlig überwältigt. Sie kriegen das alles in ihren Kopf nicht rein. Und so tröstet Jesus sie, indem er ihnen sagt, dass Gott keinesfalls die Kontrolle verloren hat, und dass sie nicht untergehen werden, wenn es sich vielleicht auch vorrübergehend so anfühlt. Sie sollen und müssen ihren Glauben nicht wegwerfen! Sie werden von Gottes Liebe nie mehr getrennt werden können. Deswegen kann Jesus ihnen sagen:
Euer Herz werde nicht bestürzt. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!
Es ist keinesfalls alles zu Ende, sondern er bahnt ihnen einen Weg nach Hause, und dann wird er wiederkommen und sie zu sich nehmen. Sie werden für ewig da sein, wo er ist. Ein Platz im Vaterhaus ist ihnen sicher. Seine Liebe endet nicht an ihrem Unverständnis, nicht an ihrer Angst, nicht an ihrem Versagen. Geduldig beantwortet er ihre Fragen. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er wird nicht im Tod bleiben. In ihm sehen sie das Wesen des Vaters und durch ihn hören sie seine Worte: selbstlose Worte der Ermutigung, die Aufforderung, einander zu lieben und zu dienen, das Versprechen eines ewigen Zuhauses auf seine Kosten – und das alles, während das Kreuz vor ihm steht.
Dies ist eine Zusammenfassung von Predigten der letzten Wochen über Johannes 13–14,11.