
„Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht“, sagt der Psalmist in Psalm 119,162. Da hat sich jemand mit Gottes Wort beschäftigt und ist nicht leer ausgegangen. In seinen Worten stecken Begeisterung und Entdeckerfreude über das, was er gefunden hat.
Aber was ist vorausgegangen? Um Beute zu machen, muss ein Krieg stattgefunden haben. Da hat jemand gekämpft, und es hat sich gelohnt. Wenn er jetzt nach Hause kommt, hat er die Taschen voll und kann sogar noch was abgeben.
Aber was ist diese Beute, die er erkämpft hat? Warum lesen wir überhaupt die Bibel?
Wir sind als Menschen im Bild Gottes geschaffen worden, und vielleicht ist es euch schon mal aufgefallen, wie wichtig es für eine gute Beziehung ist, einander zu kennen. Mit einem Fremden kann ich keine echte Beziehung haben. Man lernt also jemanden kennen und hat so einen allgemeinen ersten Eindruck von einer Person und möchte die Beziehung gerne vertiefen. Um sich besser kennenzulernen, muss man sich austauschen und etwas gemeinsam tun. Und auch wir wollen von dem anderen gekannt werden, deswegen offenbaren wir uns. Weil wir Sünder sind, ist das bei uns manchmal durch Scham oder schlechtes Gewissen oder auch durch schmerzhafte Erinnerungen gebremst. Deswegen gibt es Dinge, die wir lieber unter Verschluss halten, aber eigentlich wünschen wir uns, Menschen zu haben, die wir und die uns wirklich kennen, mit denen wir unsere Gedanken und unser Leben teilen können. Nur dann kann eine echte Freundschaft entstehen.
Unser Gott will das auch. Er ist ein Gott, der sich offenbart. Das müsste er ja nicht. Er braucht uns nicht, weil er sonst so allein wäre – er ist ja Drei in Einem –, und er braucht auch nicht unseren Input und unseren Rat. Aber er will, dass wir ihn kennen, weil er eine Beziehung mit uns will. Er hat uns die Schöpfung zum Anschauen gegeben, damit wir zumindest ahnen, wie groß und schön und herrlich und mächtig er ist. Ich glaube, es freut ihn, wenn wir ihn über der Schöpfung anbeten und bewundern. Er hat uns Jesus gegeben, damit wir erkennen, dass er die Liebe ist. Und er hat uns sein ganzes Wort gegeben, damit wir mit ihm mitdenken können, seine Pläne und Ratschlüsse kennenlernen und uns mit einklinken und seinen Willen tun können.
Als z. B. Gott Sodom und Gomorra vernichten wollte, war es ihm ein Anliegen, das Abraham mitzuteilen (1. Mose 18,17), der an anderer Stelle „Freund Gottes“ genannt wird (2. Chron. 20,7; Jes. 41,8; Jak. 2,23). Und unser Herr Jesus sagt in Johannes 15: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ Und wie begründet er das? Ein Knecht empfängt nur Befehle. Er hat keine Ahnung, warum und wieso; er muss es einfach machen. Aber euch, sagt Jesus, habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles mitgeteilt habe, was ich von meinem Vater gehört habe.
Wir sehen also, wenn wir die Bibel lesen: Gott teilt uns sein Herz und seine Gedanken mit, ein Freund dem anderen. Es geht um Liebe. Ich kann nicht behaupten, jemand zu lieben, und dann sagen: „Deine Gedanken und Worte und Pläne sind mir ziemlich egal, die verstehe ich sowieso nicht. Ich will höchstens hören, was mich persönlich betrifft und wo du mir von Nutzen sein kannst.“ Freundschaft bedeutet: Was dich bewegt, bewegt mich. Ich will die Welt durch deine Augen sehen. Ich will einbezogen sein und an deinen Plänen mitarbeiten.
Diese Beziehung erfordert unsere ganze Person, weswegen es ja auch heißt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Verstand und mit deiner ganzen Kraft.“
Wenn wir Psalm 119 lesen, dann erzählt uns der Psalmist, was er alles so mit Gottes Wort macht, weil er es liebt. Hier nur eine kleine Auswahl. Ist das bei uns auch so?
Er stellt es vor sich, er verwahrt es im Herzen, er lernt es, er glaubt es, er bedenkt es, er beobachtet es, er forscht danach, er versteht es, er hält es, er singt es, er erzählt es, er sinnt den ganzen Tag und in der Nacht darüber nach, er lechzt danach, er ersehnt es, er schämt sich nicht dafür, er vergisst es nicht, er freut sich darüber, er hält es fest, er schaut Wunder darin usw. usw.
Er hat Gefühle für dieses Wort; sein Verstand ist voll engagiert im Erforschen und Begreifen; er gibt es weiter; er wird damit kreativ, z. B. indem er Psalmen schreibt und das Wort singt, und er gehorcht dem Wort und hält sich daran. Alles, was man über seine Beziehung zu diesem Wort sagen kann, kann man auch über seine Beziehung zu Gott sagen. Das lässt sich nicht trennen. Unsere Beziehung zu Gottes Wort ist ein Spiegel unserer Beziehung zu Gott.
Wir wissen nicht genau, wer den Psalm geschrieben hat, aber es ist klar, dass der Teil des Wortes Gottes, der ihm zur Verfügung stand, wesentlich kleiner war als das, was wir heute haben. Es war hauptsächlich das Gesetz, die Geschichten der Väter und des Volkes, jede Menge wunderbare Geschlechtsregister ;) usw. Es waren also auch Teile, die uns manchmal Mühe machen, die wir vielleicht lieber überspringen würden, und trotzdem ist er so begeistert, weil er seinen Gott, seine Gedanken, seine Gerechtigkeit und Heiligkeit und seine Güte darin findet, weil er darüber meditiert und das regelrecht verkostet, bis er den ganzen Honig rausgesaugt hat. Er liebt jedes Wort von ihm, weil er den liebt, der redet.
Es lohnt sich also. Aber vor der Beute kommt der Kampf. „Pläne kommen durch Beratung zustande, und mit weiser Überlegung führe Krieg!“, heißt es in Sprüche 20,18. Deswegen sollten wir eine wohlüberlegte Strategie entwickeln, wie wir die Bibel lesen – und uns gegen Widerstand wappnen.
