Babylon versuchte, die Identität Daniels und seiner Freunde aufzuheben und umzupolen, was besonders daran deutlich wird, dass sie andere Namen bekamen. Namen sind “zugesprochene Identität”. Ihre Eltern hatten sich bei der ursprünglichen Namensgebung daran orientiert, dass sie zum Volk Gottes gehörten. In jedem ihrer Namen steckte ein Hinweis auf den Gott Israels. Jetzt sollte ihre Identität mit den Göttern Babylons verknüpft werden. Deshalb wurden sie umbenannt und konnten nichts dagegen machen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass sie sich vollkommen in Babylon einfügen und eines Tages vergessen, wer sie sind.
Nun ist Identität ein weiter Begriff mit vielen philosophischen, psychologischen und sozialen Aspekten. Aber Zugehörigkeit spielt immer eine entscheidende Rolle, auch wenn ihr nicht in jeder Gesellschaft gleich großes Gewicht zugemessen wird.
Daniels Zugehörigkeit hat einen gewaltigen Knacks erlitten (wie es heute Millionen von Menschen erfahren). Er ist eine “displaced person”, allerdings eine sehr intelligente. Er kann die babylonische Kultur verstehen, sich ihr anpassen, darin gut überleben, sogar Karriere machen. Man könnte ihn für einen Babylonier halten, wenn man ihn als Beltschazar kennenlernt und nicht – wie wir – seinen Hintergrund kennt.
Aber Daniel ist nicht bereit, seine Identität aufzugeben. Wie hält er sie aufrecht? Er hält fest am Gott seiner Väter
- durch das Gesetz
- durch Gebet und Lobpreis
- durch Sehnsucht.
Man kann ihn nicht dazu bringen, gegen Gottes Wort zu verstoßen. Das wissen sogar seine Feinde: “Wir können keinen Anklagegrund gegen ihn finden außer im Gesetz seines Gottes.” Manchmal hat er damit Erfolg, wie ganz am Anfang, als er die Tafelkost des Königs verweigerte, ein andermal geht es auf Leben und Tod. Das macht für ihn keinen Unterschied. Daniels Identität zeigt sich darin, dass er ein Mensch ist, der dem Wort Gottes Beachtung schenkt.
Er befolgt aber das Gesetz nicht dem Buchstaben nach, sondern er hat eine lebendige persönliche Beziehung zu Gott. Er nennt Gott “den Gott des Himmels”, “den Gott meiner Väter”, “den Höchsten”, aber auch “mein Gott”. Und das sehen auch die Menschen in seiner Umgebung. Seine Feinde finden ihn betend und flehend vor seinem Gott. Und ist es nicht interessant: Nachdem Gott Babylon abgeräumt hat, und die Perser und Meder das Reich übernommen haben, nennen auch die Menschen ihn wieder Daniel! Verzweifelt und ängstlich ruft Darius in die Löwengrube hinab: “Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, dich von den Löwen retten können?” (Daniel 6,21). Schöner und eindeutiger hätte er Daniels Identität nicht beschreiben können! Er war immer noch Daniel. Er war immer noch der Knecht des lebendigen Gottes, der seine eigentliche Identität bewahrt hatte. Babylon ist gefallen, aber Daniel steht!
Und schließlich bewahrt Daniel sich seine Sehnsucht. Es hätte die Heimat leicht vergessen können. Es ging ihm ja nicht schlecht. Das Leben an der Spitze der Gesellschaft war sicher mit Annehmlichkeiten verbunden. Aber immer wenn er betete, betete er in Richtung Jerusalem. Da war die Heimat, noch zerstört, Aber er hatte Verheißungen, und auch wenn er die irdische Erfüllung nicht erleben sollte, so kultivierte er seine Sehnsucht und seine Hoffnung doch unablässig und rang darum mit Gott im Gebet.
Als Christen sind wir in dieser Welt auch Menschen mit fremder Identität. Manchmal verfolgt, manchmal geachtet und gut integriert wegen unserer Zuverlässigkeit und guten Arbeit. Wir sollten unsere primäre Identität, Kinder Gottes zu sein, nie vergessen und an Gottes Wort festhalten, die Beziehung zu ihm im Gebet pflegen und die Sehnsucht nach der wahren Heimat kultivieren. Dann werden wir noch stehen, wenn Babylon längst gefallen ist.
