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An einem Abend im Alten Rom

Ich habe gerade den Epheserbrief gelesen und bleibe gegen Ende daran hängen, dass Paulus sich einen Gesandten in Ketten nennt. Vermutlich schrieb er den Brief  während der Gefangenschaft in Rom, die am Schluss der Apostelgeschichte beschrieben wird. Da Paulus römischer Staatsbürger war und sich auf den Kaiser  berufen hatte, wurde er nicht in irgendein Loch gesteckt, sondern konnte eine Wohnung mieten. Dort stand er unter Hausarrest, konnte aber Besuch empfangen. Womit er aber zurechtkommen musste, war ständige Bewachung durch einen Soldaten, an den er angekettet war.

Das turnt meine Phantasie an. Ich stelle mir das schrecklich vor, nie allein zu sein. Ob er aufs Klo musste, ob er sich wusch, ob er las oder ob er betete, ob er Besuch hatte und ein seelsorgerliches Gespräch führen wollte, ob er mit seinen Besuchern Gemeindeprobleme diskutierte  – der Soldat war immer dabei. Auch wenn Paulus Briefe diktierte.

Wie war das wohl für so einen Soldaten, an Paulus gekettet zu sein, frage ich mich. Sicher hatten die auch mal Feierabend, wurden abgelöst und konnten sich mal mit einem Freund in der Taverne zu einem Glas Wein treffen. Vor meinem inneren Auge entwickelt sich ein kleiner Dialog:

Na, fragt der Freund, wie ist denn dein Typ so? Der ist Jude, oder?

Ja, antwortet der Wächter, aber ein bisschen anders als die anderen. Seine eigenen Leute mögen ihn nicht, weil er von dieser Christus-Sekte ist. Wegen den Juden ist er eigentlich hier. Die wollen ihn lieber tot als lebendig sehen.

F.: Oh, dann muss er hier ja ziemlich allein sein, oder?  Ist er sehr niedergeschlagen?

W.: (lacht) Also allein geht anders. Da steht die Tür nicht still. Der hat ganz viel Kontakt zu Einheimischen, zu echten Römern. Stell dir vor, obwohl er Jude ist, nennt er die Brüder. Aber da kommen auch ein paar Juden, und  überhaupt  nimmt er jeden auf, der mit ihm reden will. Neulich kam sogar ein Sklave, der irgendwo weggelaufen ist.

F.: Das ist ja echt ungewöhnlich. So kenne ich die Juden nicht. Normalerweise wollen die nichts mit uns zu tun haben.

W.: Das hängt irgendwie mit diesem Christus zusammen. Neulich hat er einen Brief diktiert. Da hat er gesagt, dass dieser Christus den Zaun abgerissen hat zwischen den Juden und den anderen Völkern. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind jetzt alle, die an diesen Christus glauben, so eine Art neues Volk, und die alten Unterschiede fallen weg. Irgendwie sollen jetzt auch die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und Sklaven und Herren aufgehoben sein.

F.: Ohoh, das klingt aber gefährlich. Dann werden ja die Frauen und die Sklaven ganz schön aufmüpfig werden. Dann fällt ja jegliche Ordnung in sich zusammen.

W.: Nein, so ist es nicht zu verstehen. Im Gegenteil hat er in dem Brief auch geschrieben, dass die Frauen sich ihren Männern unterordnen sollen und die Kinder den Eltern. Und die Sklaven ihren Herren. Also, die Ordnung bleibt schon. Aber die sollen sich jetzt alle gegenseitig lieben. Und zum Beispiel die Männer sollen ihre Frauen lieben, wie sich selbst. Und die Herren sollen freundlich zu den Sklaven sein.

F.: Mmm … wie soll das denn gehen? Sowas kann ich mir gar nicht vorstellen. Wofür hab ich einen Sklaven, wenn ich mit dem nicht machen kann, was ich will? Und meine Frau ist für mich da und nicht ich für meine Frau, finde ich.

W.: Ich glaube, das geht nur mit diesem Christus.  Der muss im Herzen wohnen durch den Glauben, hat Paulus gesagt. Ich meine, ich sehe diese Leute ja, wie sie miteinander umgehen.  Die lieben sich wirklich, und ich bin zwar der Wächter und gehöre eigentlich nicht dazu, aber auch zu mir sind alle sehr freundlich. Und weißt du, ich habe schon viele Gefangene bewacht. Dieser Mann ist nicht verzweifelt, der lobt Gott den ganzen Tag, bedankt sich auch bei mir ständig  für alles, und der hat nichts im Kopf, als seinen Christus zu predigen und Leute zu ermutigen , wie Christus zu werden Da kommt kein Schimpfwort, kein dreckiger Witz – die reden respektvoll miteinander, ob Männlein oder Weiblein.  Die hören dem Paulus zu, der ihnen das alles beibringt, und dann singen sie. Keine Trinklieder oder Marschlieder, sondern Lobgesänge. Und wenn  sie dann gehen oder auch wenn sie weg sind, dann betet Paulus für sie.

F.: (grinst und leert sein Glas)  Na, du scheinst ja sehr beeindruckt zu sein. Dann pass mal auf, dass du nicht auf der anderen Seite der Kette landest. Denn was immer man davon halten mag, kann es einen ja anscheinend ins Gefängnis bringen und wer weiß, wohin sonst noch.

Komm, lass uns gehen. Ich wünsch dir eine gute Nacht.

W.: Vielleicht kommst du einfach mal vorbei, wenn ich im Dienst bin und siehst selbst. Gute Nacht!

Nuggets in Daniel (2): Die Identität bewahren

Nuggets2aBabylon versuchte, die Identität Daniels und seiner Freunde aufzuheben und umzupolen, was besonders daran deutlich wird, dass sie andere Namen bekamen. Namen sind “zugesprochene Identität”. Ihre Eltern hatten sich bei der ursprünglichen Namensgebung daran orientiert, dass sie zum Volk Gottes gehörten. In jedem ihrer Namen steckte ein Hinweis auf den Gott Israels. Jetzt sollte ihre Identität mit den Göttern Babylons verknüpft werden. Deshalb wurden sie umbenannt und konnten nichts dagegen machen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass sie sich vollkommen in Babylon einfügen und eines Tages vergessen, wer sie sind.

Nun ist Identität ein weiter Begriff mit vielen philosophischen, psychologischen und sozialen Aspekten. Aber Zugehörigkeit spielt immer eine entscheidende Rolle, auch wenn ihr nicht in jeder Gesellschaft  gleich großes Gewicht zugemessen wird.

Daniels Zugehörigkeit hat einen gewaltigen Knacks erlitten (wie es heute Millionen von Menschen erfahren). Er ist eine “displaced person”, allerdings eine sehr intelligente. Er kann die babylonische Kultur verstehen, sich ihr anpassen, darin gut überleben, sogar Karriere machen. Man könnte ihn für einen Babylonier halten, wenn man ihn als Beltschazar kennenlernt und nicht – wie wir – seinen Hintergrund kennt.

Aber Daniel ist nicht bereit, seine Identität aufzugeben. Wie hält er sie aufrecht? Er hält fest am Gott seiner Väter

  • durch das Gesetz
  • durch Gebet und Lobpreis
  • durch Sehnsucht.

Man kann ihn nicht dazu bringen, gegen Gottes Wort zu verstoßen. Das wissen sogar seine Feinde: “Wir können keinen Anklagegrund gegen ihn finden außer im Gesetz seines Gottes.” Manchmal hat er damit Erfolg, wie ganz am Anfang, als er die Tafelkost des Königs verweigerte, ein andermal geht es auf Leben und Tod. Das macht für ihn keinen Unterschied. Daniels Identität zeigt sich darin, dass er ein Mensch ist, der dem Wort Gottes Beachtung schenkt.

Er befolgt aber das Gesetz nicht dem Buchstaben nach, sondern er hat eine lebendige persönliche Beziehung zu Gott. Er nennt Gott “den Gott des Himmels”, “den Gott meiner Väter”, “den Höchsten”, aber auch “mein Gott”. Und das sehen auch die Menschen in seiner Umgebung. Seine Feinde finden ihn betend und flehend vor seinem Gott. Und ist es nicht interessant: Nachdem Gott Babylon abgeräumt hat, und die Perser und Meder das Reich übernommen haben, nennen auch die Menschen ihn wieder Daniel! Verzweifelt und ängstlich ruft Darius in die Löwengrube hinab: “Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, dich von den Löwen retten können?” (Daniel 6,21). Schöner und eindeutiger hätte er Daniels Identität nicht beschreiben können! Er war immer noch Daniel. Er war immer noch der Knecht des lebendigen Gottes, der seine eigentliche Identität bewahrt hatte. Babylon ist gefallen, aber Daniel steht!

Und schließlich bewahrt Daniel sich seine Sehnsucht. Es hätte die Heimat leicht vergessen können. Es ging ihm ja nicht schlecht. Das Leben an der Spitze der Gesellschaft war sicher mit Annehmlichkeiten verbunden. Aber immer wenn er betete, betete er in Richtung Jerusalem. Da war die Heimat, noch zerstört, Aber er hatte Verheißungen, und auch wenn er die irdische Erfüllung  nicht erleben sollte, so kultivierte er seine Sehnsucht und seine Hoffnung doch unablässig und rang darum mit Gott im Gebet.

Als Christen sind wir in dieser Welt auch Menschen mit fremder Identität. Manchmal verfolgt, manchmal geachtet und gut integriert wegen unserer Zuverlässigkeit und guten Arbeit. Wir sollten unsere primäre Identität, Kinder Gottes zu sein, nie vergessen und an Gottes Wort festhalten, die Beziehung zu ihm im Gebet pflegen und die Sehnsucht nach der wahren Heimat kultivieren. Dann werden wir noch stehen, wenn Babylon längst gefallen ist.