Als ich vor einiger Zeit das Buch Daniel gelesen habe, hat mich sein Gebet in Kapitel 9 so sehr beeindruckt, dass ich beschlossen habe, es auswendig zu lernen (was ich übrigens immer noch nicht komplett geschafft habe).
Das Gebet beginnt: “Ach Herr, du großer und furchtbarer Gott, der Bund und Güte denen bewahrt, die ihn lieben …“. Bei mir hat sich anfangs im Kopf ein falscher Text eingeschlichen, den ich nur schwer “überschreiben” konnte, nämlich: “die ihn fürchten “. Vielleicht, weil es so logisch scheint, einen furchtbaren Gott zu fürchten statt zu lieben?
Daniel kennt die Furchtbarkeit Gottes nicht nur theoretisch, sondern er hat sie selbst erlebt: Das Gericht Gottes über Juda und Jerusalem – ganz persönlich die Deportation in ein fremdes Land und ein fremdbestimmtes Leben und die lebenslange Sehnsucht nach einer Heimat, die in Trümmern lag. Und all das in dem Bewusstsein, dass es Gott war, dieser furchtbare Gott, der das über sein eigenes untreues Volk verhängt hatte.
Daniel stellt nicht die übliche Frage, die wir alle schon oft gehört haben: “Wie kann Gott das zulassen?”. Denn er kennt die Antwort schon:
Wir haben gesündigt und haben uns vergangen und haben gottlos gehandelt, und wir haben uns aufgelehnt und sind von deinen Geboten und von deinen Rechtsbestimmungen abgewichen. (Daniel 9,5)
Er hat seine Worte erfüllt, die er geredet hat über uns und unsere Richter, die uns richteten, nämlich ein großes Unglück über uns zu bringen, so dass unter dem ganzen Himmel nichts geschehen ist wie das, das an Jerusalem geschehen ist. (9,12)
Wir waren ja gewarnt, sagt er. Du hast uns immer wieder ermahnt, du hast uns das Gericht vorausgesagt, und wir haben einfach nicht gehört und dich nicht ernstgenommen. Der furchtbare Gott ist ein Gott, den man unbedingt ernstnehmen muss. Seine Androhungen sind nicht in den Wind geredet; sie treffen ein. So hat Daniel ihn ganz persönlich kennengelernt; er ist ein Betroffener.
Aber weil Daniel Gott als so konsequent kennengelernt hat, weiß er auch, dass dieser gerechte Gott ein Gott ist, der sein Volk geliebt hat, liebt und lieben wird. Auch da hat er sich festgelegt.
Bei dem HERRN, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung. (9,9)
Daniel weiß, dass Gott sich erbarmen wird. Er kann gar nicht anders. Er hat dieses Volk erwählt, errettet, getragen und seinen Namen unverbrüchlich an es gebunden. Wie ein Ehemann seiner Frau hat er seinem Volk, dem untreuen Israel, seinen Namen verliehen, und das ist, bei aller Strafe, nicht rückgängig zu machen. Diese Liebe hat sich auch in den vielen Warnungen gezeigt, die Gott seinem Volk durch Propheten geschickt hat. Er hat kein Vergnügen daran, sein Volk zu züchtigen, aber er kann auch das Böse, den Ungehorsam und den Götzendienst nicht einfach unendlich wuchern lassen. Deshalb betet Daniel:
Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle! Zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott! Denn dein Name ist über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen worden. (Daniel 9,19)
Und dann erscheint Daniel ein Engel, der ihm erklärt, wie dieses Vergeben, Eingreifen und Handeln Gottes stattfinden wird, und der ihm sagt: “Daniel, du bist ein Vielgeliebter!” (9,23).
Es ist bei Daniel nicht anders als bei uns. Auch er liebt Gott, weil Gott ihn zuerst geliebt hat und er das erkannt hat. Gott ist, auch wenn er uns furchtbar erscheint, der Ursprung und die Quelle der Liebe. Aus Liebe hat er erwählt, was in sich selbst nicht liebenswert ist, aus Liebe straft und züchtigt er, und aus Liebe hält er seinen Bund und erbarmt sich und vergibt, wenn wir umkehren – um seines Namens willen.
